GER 341: German Literature
Oregon State University
December 3, 1997

Heinrich von Kleist (1777-1811)
von Kimio Kasai

Bernd Heinrinch Wilhelm, besser bekannt als Heinrich von Kleist, wurde am 18. Oktober 1777 in Frankfurt an der Oder geboren (Heinrich selbst hielt den 10. Oktober für sein eigentliches Geburtsdatum). Im Alter von 41 Jahren heiratete Joachim Friedrich von Kleist, Kapitän im hochfürstlichen Leopold von braunschweigischen Regiment, die fünfzehnjährige Karoline Luise von Wulffen, die ihm zwei Töchter gebar: Wilhelmine und Ulrique Amalie, die später im Leben Kleists eine wichtige Rolle spielte. Fünf Jahre später starb seine Frau, und nun heiratete er Juliane Ulrike von Pannwitz. Heinrich Kleist war das Dritte von fünf Geschwistern und der älteste Sohn dieser zweiten Ehe.

In dieser kleinen Stadt, in der es damals nur zehn tausend Bewohner gab, erhielt Kleist seinen ersten Unterricht gemeinsam mit seinem melancholischen, weniger begabten Vetter Carl Otto von Pannwitz von einem jungen Theologiestudenten, Christian Ernst Martini, der einer der lebenslangen Freunden der Familie und späterer Rektor der Frankfurter Bürgerschule war. Nach Ansicht Martinis hatten die zwei Schüler ganz entgegengesetzte Charaktere, doch ihre Beziehung sollte eng gewesen sein, denn sie trafen sogar einmal schriftlich die Verabredung, beide eines freiwilligen Todes zu sterben. Diese Tatsache weist darauf hin, dass Kleist schon in der Kindheit mit dem Gedanken des Selbstmordes sich befreundete.

Nach dem frühen Tod des Vaters im Jahr 1788 verliess er das Haus seiner Eltern und kam ins Haus des hugenottischen Predigers Samuel Heinrich Catel in Berlin, um seine weitere Ausbildung zu folgen. Er besuchte dort das Gymansium der französisch-reformierten Gemeinde, Collège François. Wir wissen fast gar nichts über Kleist um diese Zeit, sondern nur einige Sachen über seine Familie. Anlässlich des Todes ihres Mannes wendete sich Kleists Mutter an den König um Gewährung einer Pension. Ihre Bitte wurde aber nicht erfüllt. Dann ersuchte Kleists Mutter im folgenden Jahr den König, ihren Sohn Heinrich in die Militärakademie aufzunehmen. Dies endete auch ohne Erfolg. Kleist war in dieser Zeit offensichtlich kein glückliches Kind.

Im Jahr 1792 schlug Kleist die Offizierslaufbahn ein. Er trat nämlich ins Potsdamer Garderegiment als Gefreiter-Korporal ein. Damit fing seine siebenjährige Soldatenzeit an. Während dieser Zeit, genauer gesagt am 3. 2. 1793, starb Kleists Mutter an "Entzündungsfieber". Im Jahr 1797 wurde er Sekondeleutnant. Zwischen Kameraden war er sozusagen ein gelehrter Offizier und ihnen ein Dorn im Auge. Kleist erfuhr selbst, dass er mehr Student als Soldat war. Er wusste auch ganz gewiss, dass er "nur als ganz freier Mensch sich und den Wissenschaften genügen könne" (Sembdner 13), und richtete deshalb ein Abscheidsgesuch an den König. Den erbetenen Abschied erhielt Kleist 1799. Der König wollte ihm zuerst nur einen unbestimmten Urlaub bewilligen, worauf er wieder ins Regiment eintreten könnte. Statt dessen stellte er ihm eine spätere Anstellung im Zivildienst in Aussicht.

Nach bestandener Reifeprüfung im April immatrikulierte sich Kleist an der Universität Frankfurt a. d. O. Bis August 1800 studierte er dort Philosophie, Physik, Mathematik, Kulturgeschichte und Naturrecht. Ausserdem nahm er privaten Lateinunterricht. Im selben Jahr verlobte sich Kleist mit Wilhelmie von Zenge, der Tochter des Frankfurter Kompaniechefs August Wilhelm Hartmann von Zenge, in dessen Haus Kleist den Töchtern Privatunterricht erteilte.

>Im Spätsommer 1800 reiste er nach Würzburg, ging aber eilig nach Berlin zurück. In Berlin erlebte Kleist im Jahr 1801 eine seelische Kries in seinem Leben durch die Lektüre Kants, die sogenannte "Kant Krise". Er hatte seit Jahren irgendwie geglaubt, dass "after our earthly death the truths we gather on earth would redound to our benefit on another star and there help us to perfect ourselves" (Maass 35). Aber die Kantische Philosophie zeigte ihm die Grenzen des menschlichen Möglichen, oder mindestens glaubte er so. Ludwig Tieck beschrieb dies im folgenden Zitat:

Es ist natürlich, dass die Autodidakten das jenige, was sie auf ihre eigentümliche, zufällige und heftige Weise erlernen, viel zu hoch anschlagen; es ist ebenso begreiflich, dass sie in andern Stunden, wenn ihnen Wissen und Lernen nicht diese ruhige Genügsamkeit gibt, die unsere Seele gelinde erweitert, und unvermerkt bereichert, dann alles Wissen, Denken und Lernen, alle Kenntnisse und Gelehrsamkeit tief verachten, und einen geträumten und unmöglichen Naturstand höher Stellen als alle Kultur, ja ihn für den wahrsten und glücklichsten halten. In dieser unglücklichen Stimmung befand sich damals unser Freund (Kleist), und er wurde nicht ruhiger, sondern nur noch aufgeregter, als er die Kantische Philosophie kennen lernte, der er sich einige Zeit mit dem grössten Eifer ergab (Sembdner 40).

Vom Juli bis November 1801 hielt er sich in Paris auf, vom Dezember 1801 bis Oktober 1802 in der Schweiz, wo er mit Heinrich Daniel Zschokke, Heinrich Gessner und Ludwig Wieland verkehrte. Da gab ein Kupferstich nach einem Gemälde von Luise Philibert Debucourt den Anlass zu einem poetischen Wettkampf zwischen den gerade oben erwähnten Freunden, aus dem Kleists Entwurf zu einem Lustspiel hervorging. Dagegen behandelte Zschokke den Stoff als Erzählung, Wieland als Satire. Das dadurch hervorgegangene Stück heisst Der zerbrochenen Krug.

Zwischen 1802 und 1803 lebte er in Weimar bei Christoph Martin Wieland (1733-1813), einem der wichtigsten Autoren der Aufklärung, wo er auch zwei Grössen, Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) und Friedrich von Schiller (1759-1805) kennenlernte. Er war dann im Frühjahr 1803 in Leipzig und Dresden. Im Sommer 1803 ging er auf erneute Reise mit Pfuel, den er seit Soldatenzeit kannte und gleich wiedersah, diesmal in die Schweiz und über Mailand, Genf, Lyon im Oktober nach Paris. Dort in Paris verbrannte Kleist das Manuskript des Robert Guiskard, an dem er seit 1802 gearbeitet hatte. Danach reiste er ins nordfranzösische St. Omer, um in französische Kriegdienste zu treten und an der napoleonischen Invasion Englands teilzunehmen. Sein zweimaliger Versuch war aber vergebens. Inzwischen erlitt Kleist einen körperlichen und seelischen Zusammenbruch. Er fasste sogar einige Selbstmordpläne. Ende 1803 in Mainz war er in Behandlung des Arztes Georg Wedekind.

Im Juni 1804 kehrte Kleist nach Potsdam zurück und bewarb sich um eine Anstellung im preussischen Zivildienst. Er erhielt im folgenden Jahr eine Anstellung als Diätar, Angestellter, der Tagegelder erhält, an der Königsberger Domänenkammer. Der zerbrochene Krug, ein Lustspiel von Kleist, das den künftigen realistischen Stil begründete, wurde im selben Jahr vorläufig fertiggestellt.

Fortdauernde Unpässlichkeiten hatte er immer noch im Jahr 1806. Anfang 1807 verliess er nach Aufgabe seines Amtes Königsberg, wurde in Berlin von den Franzosen als vermeintlicher Spion verhaftet und nach Frankreich gebracht. Vom Februar bis Juli geriet er deshalb in französische Gefangenschaft. In diesem Jahr erschien sein Lustspiel Amphitryon, das eigentlich das erste mit Kleists Namen erschienene Werk war.

Nach dem zwischen Frankreich und Preussen geschlossenen Frieden von Tilsit erhielt Kleist endlich den Entlassungsbefehl. Im Juli 1807 reiste er nun über Berlin nach Dresden, wo er mit Adam Müller, Ludwig Tieck, Christian Gottfried Köner u.a. verkehrte. Zwischen 1807 und 1809 war er in Potsdam und gab mit A. Müller die Monatsschrift Phöbus, Ein Journal für die Kunst heraus. Das erste Heft des Phöbus erschien im Januar 1808. In Weimar wurde im selben Jahr unter Goethes Direktion Der zerbrochene Krug uraufgeführt. Das Stück fiel beim Publikum leider durch. Für den Misserfolg machte Kleist die Inszenierung Goethes verantwortlich, was zu einem tiefen Zerwürfnis mit Goethe führte. Er publizierte sogar im 4./5. Stück des Phöbus bissige Epigramme gegen Goethe. Sein politisches Drama Die Hermannsschlacht, das die Vorzeichnung der von Kleist erhofften Befreiung von den Franzosen war, wurde in diesem Jahr fertiggestellt.

Im Jahr 1809 wendete Kleist sich seine Aufmerksamkeit mehr auf die Politik. Frühjahr verfasste er politische Schriften und patriotische Kriegslyrik ("Germania an ihre Kinder", "Kriegslied der Deutschen und An Franzden Ersten"), die später während des Befreiungskriegs in anonymen Einzeldrucken erschienen. Er versuchte auch vergebens eine politische Zeitschrift Germania zu gründen. Kurze hielt er sich in Prag auf, denn Wien war von den Franzosen besetzt. Er fand sich Ende 1809 aber wieder in Frankfurt und Berlin ein.

Im Jahr 1810 wurde Das Käthchen von Heilbronn im Theater an der Wien uraufgeführt. Der erste Band der Erzählungen wurde auch in diesem Jahr bei Reimar Verlag herausgegeben. Dieser Band enthält Michael Kohlhas, Die Marquise von O..., und Das Erdbeben in Chile. Im Oktober erschien die erste Nummer der Berliner Abendblätter mit Kleists Anekdoten und Essays. Neben Kleist waren die Verfasser von Origialbeiträgen Achim von Arnim, Clemens Brentano, Fouqué, Adam Müller u.a. Diese Zeitung kam täglich ausser Sonntag heraus. Der zweite Band der Erzählungen erschien im folgenden Jahr wieder bei Reimer (Die Verlobung in St. Domingo, Das Bettelweib von Locarno, Der Findling, Die heilige Cäcilie, und Der Zweikampf). Zu dieser Zeit versuchte Kleist, eine Anstellung als Redakteur zu finden, sonst müsste er wieder in preussischen Zivildienst übernommen werden.

Im Jahr 1811 verband Kleist sich eng mit der an Krebs erkrankten Adolphine Sophie Henriette Vogel, geb. Keber, und aus dieser Verbindung entstand ein trauriges Schicksal. Am 20. November am Nachmittag trafen Kleist und Henriette Vogel im Neuen Krug am Kleinen Wannsee ein, wo sie die Nacht zusammen verbrachten. Gegen 16 Uhr des folgenden Tages erschoss Kleist zunächst Henriette dann sich selbst. Ohne literarischen Erfolg, an menschlichen Bildungen zweifelt und über die politischen Lage verzweifelt, nahm er sich gemeinsam mit ihr das Leben. Er starb mit Alter von 34 Jahren.

Heinrich von Kleist, einer der wichtigsten dramatischen Dichter in der deutschen Literaturgeschichte, errang erst nach dem Tod den Ruhm, den er in seinem Leben immer suchte, und um zu erlangen er sich dazu grösste Mühe gab.


Bibliographie

  1. Joachim Maass. Kleist, a Biography. New York: Farrar, Straus and Giroux, 1983.
  2. Helmut Sembdner. Heinrich von Kleists Lebensspuren. Bremen: Carl Schünemann Verlag, 1964.
  3. Peter Staengle. Heinrich von Kleist - Daten zu Leben und Werk [http://www.kleist.org/kl_bio2.htm] 13. November.
  4. >Projekt Gutenberg-DE. Heinrich von Kleist. [http://gutenberg.aol.de/autoren/kleist.htm] 13. November.