GER 341, 342, 343 HomepageOregon State University

ARNO HOLZ (1863-1929)


Sein Leben

1863 in Ostpreußen als Sohn eines Apothekers geboren, 1929 in Berlin gestorben. Er gehörte dem Verein "Durch" an (wie Hauptmann) und arbeitete kurz bei der "Freien Bühne" in Berlin. Seine Gedichtsammlung Buch der Zeit (1885) enthielt die beste Lyrik des frühen Naturalismus. Mit seinem Freund Johannes Schlaf schrieb er novellistische Prosaskizzen. Die erste dieser Skizzen, Papa Hamlet (1889) zeigte viel Einfluß der skandinavischen Literatur. In Die Kunst. Ihr Wesen und ihre Gesetze (1891/92) schrieb Holz die Theorie des Naturalismus auf.

Am Anfang der neunziger Jahre begann Holz, sich vom Naturalismus abzuwenden, und später schrieb er Werke, mit denen er Geld verdienen konnte. Sein nachnaturalistisches Hauptwerk war der Gedichtzyklus Phantasus (1898/99). Heute sieht man Holz als der großer Anreger des Naturalismus in Deutschland: er war der Theoretiker des konsequenten Naturalismus, schrieb naturalistische Gedichte, die die Umgangssprache in die Lyrik brachten, und begründete, mit Schlaf, den Sekundenstil in der kurzen Prosa.


Im Internet:


Ein Andres: aus Das Buch der Zeit. Gedichte (1885)


Fünf wurmzernagte Stiegen geht's hinauf
Ins letzte Stockwerk einer Mietskaserne;
Hier hält der Nordwind sich am liebsten auf
Und durch das Dachwerk schaun des Himmels Sterne.
Was sie erspähn, o, es ist grad genug,
Um mit dem Elend brürderlich zu weinen:
Ein Stückchen Schwarzbrot und ein Wasserkrug,
Ein Werktisch und ein Schemel mit drei Beinen.

Das Fenster ist vernagelt durch ein Brett
Und doch durchpfeift der Wind es hin und wieder,
Und dort auf jenem strohgestopften Bett
Liegt fieberkrank ein junges Weib darnieder.
Drei kleine Kinder stehn um sie herum,
Die stieren Blicks an ihren Zügen hängen,
Vor vielem Weinen ward ihr Mündlein stumm
Und keine Thräne mehr netzt ihre Wangen.

Ein Stümpfchen Talglicht giebt nur trüben Schein,
Doch horch, es klopft, was mag das nur bedeuten?
Es klopft und durch die Thür tritt nun herein
Ein junger Herr, geführt von Nachbarsleuten.
Der Armenhilfsarzt ist's aus dem Revier,
Den sie geholt aus Mitleid mit der Kranken,
Indess ihr Mann bei Branntwein oder Bier
Sich selbst betäubt und seine Wuthgedanken.

Der junge Doktor aber nimmt das Licht
Und tritt mit ihm ans Bett des armen Weibes,
Doch gelb wie Wachs und spitz ist ihr Gesicht
Und kalt und starr die Glieder ihres Leibes.
Das schluchzt sein Herz, indess das Licht verkohlt,
Von nie gekannter Wehmuth überschlichen:
Weint, Kinder, weint! Ich bin zu spät geholt,
Denn eure Mutter ist bereits--verblichen.

Fragen zu "Ein Andres":

  1. Was sieht man in diesem Gedicht? Beschreiben Sie das Zimmer und die Figuren!
  2. Was geschieht in dem Gedicht?
  3. Erfinden Sie die Geschichte hinter dem Gedicht!
  4. Warum kann man sagen, dass dieses Gedicht ein Beispiel des Naturalismus ist?
  5. Was will er Autor, dass die LeserInnen denken/fühlen/tun?

Wichtige Werke:


Naturalismus.
Homepage

ljking@oregonstate.edu