GER 342: German Literature
Oregon State University
March 5, 1998


Henri Theodor Fontane (1819-1898)

von

Shayne Morgan

 Emilie Labry Fontane, die Frau von Louis Henri Fontane, bekam ihren Sohn, Henri Theodor, am 30. Dezember 1819 in Neuruppin. Henri und Emilie waren Berliner. Louis Henris Vater, Pierre Barthélemy, war Maler und Zeichenlehrer gewesen. Er lehrte die Kinder vom König Fredrich Wilhelm II. Henri Theodors Vorfahren waren Handwerker. Theodor erinnerte sich, dass der Grossvater in guter Gesellschaft verkehrte.

Als Henri siebzehn Jahre alt war, arbeitete er als Auszubildender bei einem Apotheker. Er besass einen patriotischen Eifer für die Kriege der Befreiung. 1813 tauschte er einen Mörser und einen Stössel gegen die Muskete. Er kam vor dem Ende des Jahres wieder, und er schloss den pharmazeutische Ausbildungskurs ab. Er bekam seine Lizenz, die Pharmakologie zu praktizieren. Er heiratete um 1819 Emilie Labry, die älteste Tochter eines Seidenhändlers.

Emilie und Louis waren völlig verschieden. Louis steckte voll guter Ideen und war impulsiver als Emilie. Sie war streng, praktisch, ernst, und temperamentvoll. Theodor erinnerte sich später, dass sie eine schmale, zarte Frau mit Augen wie Kohlen war. Sie hatte Energie, und sie war eine Frau von starkem, selbstlosem Charakter. Sie war sehr heftig.

Loius, Emilie und Theodor zogen im Jahre 1820 von Neuruppin in ein Mietshaus auf dem Land. Henri verspielte sein Geld, und die Familie ging wieder weg. Henri fand einen Ort, wo er ein neues Geschäft gründen konnte, in der Ostseestadt Swinemünde. Swinemünde war eine Stadt, die internationale Leute besuchten. In dieser Atmosphäre entwickelte Theodor eine Aufgeschlossenheit, die die verschiedenen Kulturen und die Ideale der Provinz Preussen widerspiegelten.

Die Mutter ermunterte Theodor, Bildung zu erwerben, und der Vater lehrte ihn Latein, Französisch, und Geschichte. Louis Henri hatte keine formelle Bildung, aber er las Zeitungen, Zeitschrifte, Lexika, und Bücher. Sie halfen ihm, die Leute und die Welt zu verstehen. Louis Henri erzählte seinem Sohn von verschiedenen Erzählungen, die er gelesen hatte. Diese socratische Lehrmethode machte einen permanenten Eindruck auf Theodor. Er schrieb: 

Not only have these stories come in useful a hundred times for me socially in my long lifetime, in my writing too they were always like a small treasure chest at hand. Whenever I might be asked to which teacher I actually felt the greatest gratitude, I would have to reply, to my father, who so to speak didn't know a thing, but who supported me infinitely more with his wealth of anecdotes... (Zwiebel 6). 

Im Jahre 1831 ging Theodor wieder nach Neuruppin, um das Gymnasium zu besuchen. Der "alte Thormeyer" war der furchterregende Direktor. Durch ihn erlebte Theodor die unbeugsame Autorität, die charakteristisch für die preussische Bildung war. Theodor erklärte, dass er wenig dort lernte, ausser einer Anerkennung der Institution mit toleranteren Unterrichtsmethoden.

Im Jahre 1833 zog er nach Berlin, der königlichen Hauptstadt von Preussen, wo er eine pharmazeutische Schule besuchte. Sie gefiel ihm nicht. Der Laden des Apothekers war ihm eine Giftbude, und der Beruf von Pillendrehen langweilte ihn. Die preussische Gesellschaft machte auch keinen guten Eindruck auf ihn. Weil die Gesellschaft ihn nicht interessierte, hatte Theodor keine ausgezeichneten Empfehlungen mit sich zu tragen. Er hielt sich jedoch an einer streng bürgerlichen Ethik. Als er 60 Jahre alt war, fand er den Mut, dem unsicheren Leben der Literatur zu folgen, aber jetzt in den formenden Jahren duldete er das Rezepteschreiben. Er fand Frieden in literarischen Zeitungen in den Cafés von Berlin. Er las Novellen, Theaterbesprechungen, Poesie und literarische Zeitungen. Diese Zeitungen wurden Theodors Lehrer. Er lernte, wie sein Vater lernte.

Am 1. April 1836 begann Theodor die Lehre im Weissen Schwann in Berlin. Er entwickelte einen grossen Abscheu vor der Pharmazie, und er verstand jetzt mehr über die geldgierige Mentalität der Bourgeoisie. Weil sein psychischer Zustand labil war, konnte Theodor nicht arbeiten, und so hatte er die Zeit, um Gutzkow, Mundt, Laube, Weinberg und andere Mitgleider der radikalen, jungen Gruppe von deutschen Schriftstellern zu lesen. Obwohl finanzielle Gründe Theodor an die Pharmazie banden, wuchsen seine Erfahrungen.

Im Jahre 1840 zog er nach Leipzig, wo er sich mit einer Organisation der Studenten, Intellektuellen, und politischen Radikalen assoziierte. Diese Leute widmeten sich revolutionären Idealen. Sie lasen revolutionäre Werke von Georg Herwegh, Ferdinand Freiligrath, und Heine. Die Organisation förderte Theodors radikale politische und sozialle Ideen.

Im Jahre 1843 machte er seine Gesellenprüfung und zog von Dresden nach Letschin um, wo die Eltern lebten. Er arbeitete gerade mit seinem Vater als Assistent, als Theodor in das Regiment vom Kaiser Franz einberufen wurde, aber er diente nur ein Jahr. Das militärische Leben gefiel ihm aber doch, und das Erlebnis nützte ihm später, wenn er Schlachtfelder,als Reporter besuchte.

Theodor schloss sich um 1844 der Berliner literarischen Gruppe, Der Tunnel über den Spree an. Nachdem er die Prohibition gegen politische Schriften brach, entwickelte er Interesse für die historische Ballade. Die Ballade wurde ihm im folgenden Jahrzehnt wichtig. Die historische Ballade gefiel ihm so sehr, dass er einige Untergruppen bildete. Durch die Untergruppen und die historisch-romantische Ballade kam er auf die englische Ballade. Bald schrieb er Wanderbücher wie Wanderungen durch die Mark Brandenburg (1861) und seinen ersten Roman, Vor dem Sturm (1863).

Im März 1848 nahm er an der Bewegung teil, die sich von der Revolution in Paris inspirierte. Mit Freunden stürmte der 27 Jahre alte Fontane das nahegelegene Theater. Sie nahmen einige Kriegswaffe. Zum Glück benutzte Theodor die Muskete nie, weil sie in den Händen vielleicht zur Explosion gebracht werden könnte.

Im Summer 1848 gab er den Beruf bei Jungs Apotheke auf, weil die Kollegen und die Arbeitgeber seine aufrührerische Poesie und politische Aktivität nicht zu schätzen wussten. Ein Freund seiner Mutter fand für ihn eine Stelle an Bethanys Krankenhaus. Bis 1850 lehrte er Pharmakologie. Danach fand ein anderer Freund ihm eine Stelle als Berliner Korrespondent der radikalen Dresdener Zeitung. Die Stelle begann seine lange Karriere im Journalismus, die der Katalysater für seine literarische Ehre wurde.

Von 1850 bis 1855 arbeitete er für das literarische Kabinett, das Propaganda für die preussische Regierung verfasst. Er blieb da kurz, weil er für die Methode nicht eintreten konnte. Er studierte wieder Geschichte und britische Literatur und schrieb Balladen über die britische Geschichte für den Tunnel. Theodor entwickelte einen sechsten Sinn für sozialle Sitten und Werte, Persönlichkeiten und Landschaften, die die Basis für seine Wanderbücher wurden. Sie bereicherten auch die Romane. Das Verständnis gab ihm die Fähigkeit, die ihm erlaubte, sozio-ökonomische Entwicklungen 20 Jahre später zu erkennen.

Der preussische Krieg 1864 gegen Dänemark, der Krieg 1866 gegen Österreich, und der Krieg 1870-1871 gegen Frankreich gaben ihm das Material für drei dicke Bücher. Seine Untersuchungen der Geschichte und der Legende umfassten vier Bände in Wanderungen durch die Mark Brandenburg (1862-1882). Die Bände machten ihn in ganz Deutschland bekannt. Sein wertvollste Erlebnis kam mit dem preussischen Militär im Dezember 1870. Er wurde wegen Spionage von den Franzosen inhaftiert. Kriegsgefangen (1871) und Aus den Tagen der Okkupation (1872) zeigten seine Beobachtungsgabe, sein kritisches Urteilsvermögen, sein Verständnis der menschlichen Natur, und seine Toleranz.

Im Jahre 1871 gab er nach 10 Jahren die Stelle mit der Kreuzzeitung auf, und er fand eine Stelle an der Vossische Zeitung als Theaterkritiker. Wieder zeigte er, dass er beobachtende und berichtende Geschicklichkeit hatte. Weil er Geld brauchte, und weil er einen Roman fertig schreiben wollte, arbeitete er fleissig, um den Roman Vor dem Sturm noch im Jahre 1878 zu Ende zu bringen. Er verdiente sich die Anrede eines Romanschrifstellers mit dem Roman Vor dem Sturm.

Im Jahre 1887 schrieb Theodor Irrungen, Wirrungen, und dieser Roman fand Anerkennung für ihn als grosser Schrifsteller der Ära. Im Jahre 1881 waren L'Adultera und Effi Briest Beispiele von wichtigen Werken. Theodor schrieb weiter Theaterkritik, Poesie, Wanderbücher, und Balladen durch die letzten 20 Jahre seines Lebens. Er schrieb auch seine Autobiographie, um seinem Geisteszustand zu helfen. Danach schrieb er Prosa, Kritiken, Poesie, Kommentare und Überarbeitungen bis zu seinem Tod am 20. September 1898.

Henri Theodor Fontane verachtete das Anhaufen der Tatsachen, das er in schlechten Schriften fand, aber er schloss doch viele Details in seinen Romanen ein. Man kann in seinen Werken das alltägliche Leben in dem Zweiten Reich sehen. Die Charaktereigenschaften sind realistisch, und er benutzt Dialog, um das Leben und die Zeit zu beschreiben. Die Methode gibt seiner Arbeit einen immerwährenden Charakter, weil er von der Leute schrieb.

Fontanes Romane enthalten Gespräche, durch die die Charaktere ihre Persönlichkeiten klar machen, und die Romane zeigen auch, wie man bereit sein muss, mit der Konvention Kompromisse zu schiessen. Der Erzähler spricht nicht direkt mit den Lesern, sondern lässt die Charaktere und ihre Aktionen sprechen. Er erlaubt es den Lesern, sich selbst zu entscheiden, was sie von den Charakteren halten. Die Romane erzählen von den Fehlern der maskulinen Oberschicht, der Sitten, und der Moral von Bismarcks Reich. Fontanes Opfer waren oft Frauen. Er schrieb realistische Geschichten.

Heinrich Mann sagte über Fontane:

The modern novel was invented for Germany, brought into being at the same time perfected by a Prussian, Theodor Fontane. He was the first in this country who brought about the realization that novels can be the valid and enduring document of a society, an era, and that it can shape and transmit social insight, preserving life and a sense of the present... (Zwiebel 23).

 


Literaturverzeichnis

  1. Henry Garland. The Berlin Novels of Theodor Fontane. Oxford: Clarendon Press, 1980.
  2. Joachim Remak. The Gentle Critic Theodor Fontane and German Politics. Syracuse: Syracuse University Press, 1964.
  3. William Zwiebel. Theodor Fontane. N.Y.: Twayne Publishers, 1992.