GER 343: German Literature
Oregon State University
June 5, 1997

HEINRICH BÖLL
1917-1985

von
Mary Barker

Mit Heinrich Böll ist einer der Großen der deutschen Literatur von uns gegangen…[Er] war ein Anwalt der Schwachen und ein Feind der Selbstrichtigkeit. Er trat für die Freiheit des Geistes ein, wo immer sie in Gefahr war. Er war unbequem und streitbar, er erregte Anstoß und erzeugte Achtung. Seine mutige, engagierte Wache und immer wieder mahnende Stimme wird uns fehlen. Sein Werk bleibt (von Weizsäcker, ohne Seite).

Diese Worter schrieb der Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 16. July 1985 an die Witwe Heinrich Bölls bei der Gelegenheit von Bölls Tod. In diesem Beileidsbrief machte der Präsident einem der strengsten Kritiker seines Landes seine Aufwartung. Böll war der erste Deutsche nach Thomas Mann, der den Nobelpreis gewann, und sein Schreiben und politisches Engagement hatte ihm den Titel das Gewissen der Nation verliehen. Er war immer ein getreuer Deutscher, aber zur gleichen Zeit nahm er die "öffentliche Heuchelei" der Regierung und "die wählerische Amnesie" seiner Landsmänner in Angriff [Butler (1) 1].

Sein Leben umspannte viele Perioden der deutschen Geschichte: er wurde als Untertan Kaiser Wilhelms II. geboren; er wuchs in der Weimarer Republik auf, erlebte die Hitlerzeit, den zweiten Weltkrieg und die Besatzung, und zuletzt die Bundesrepublik. Er war das achte Kind von Viktor und Maria Hermanns Böll. Über seine Geburt und Vorfahren schrieb er:

Geboren bin ich in Köln, wo der Rhein, seiner mittelrheinischen Lieblichkeit überdrüssig, breit wird, in die totale Ebene hinein auf die Nebel der Nordsee zufließt…am 21. Dezember 1917, während meinVater als Landsturmmann Brückenwache schob; im schlimmsten Hungerjahr des Weltkrieges wurde ihm das achte Kind geboren; zwei hatte er schon früh beerdigen müssen; während mein Vater den Krieg verfluchte und den kaiserlichen Narren, den er mir später als Denkmal zeigte....Meine väterlichen Vorfahren kamen vor Jahrhunderten von den britischen Inseln, Katholiken, die der Staatsreligion Heinrichs VIII. die Emigration vorzogen. Sie waren Schiffzimmerleute, zogen von Holland herauf rheinaufwärts, lebten immer lieber in Städten als auf dem Land, wurden, so weit von der See entfernt, Tischler. Die Vorfahren mütterlicherseits waren Bauern und Bierbrauer; eine Generation war wohlhabend und tüchtig, dann brachte die nächste den Verschwender hervor, war die übernächste arm, brachte wieder den Tüchtigen hervor, bis sich im letzten Zweig, aus dem meine Mutter stammte, alle Weltverachtung sammelte und der Name erlosch [Böll (2) 24-25].

Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg waren sehr schwer für alle in Deutschland. Keiner außer dem Kaiser und seinen Adjutanten wußte, wie schlimm die Zustände des Krieges waren, und die Flucht des Kaisers überraschte das ganze Land. Die Weimarer Republik brachte eine demokratische Regierung zustande, aber die Leute waren darauf nicht vorbereitet, und die Arbeiter litten am meisten. In den folgenden Jahren war die Inflation so stark, daß die Arbeiter zweimal pro Tag bezahlt wurden. Über diese Zeiten schrieb Böll:

…das erste Geld, das ich in die Hand bekam, war ein Schein, der eine Ziffer trug, die Rockefellers Konto Ehre gemacht hätte: 1 Billion Mark; ich bekam eine Zuckerstange dafür; mein Vater holte die Lohngelder für seine Gehilfen in einem Leiterwagen von der Bank; weinige Jahre später waren die Pfennige der stabilisierten Mark schon knapp, Schulkameraden bettelten mich in der Pause um ein Stück Brot an; ihre Väter waren arbeitslos; Unruhen, Streiks, rote Fahnen, wenn ich durch die am dichtesten besiedelten Viertel Kölns mit dem Fahrrad in die Schule fuhr [Böll (2) 26].

Bölls Eltern waren sehr religiös und erzogen ihn im katholischen Glauben, aber er lernte früh von ihnen, daß christlicher Glaube wenig mit der organisierten Kirche zu tun hatte. Die Familie war streng im Glauben, aber entspannt und frei in der Praxis. Obwohl Viktor Böll täglich zur heiligen Messe in der Kirche ging, kritisierte er Heinrich nicht, als er in den Gymnasiumjahren gegen die Messe und Sakraments sich empörte. Seine Mutter war "eine geistig bewegliche und kritisch denkende Frau. Böll schrieb über sie: 'Sie vereinte Eigenschaften in sich, die selten vereint sind, Intelligenz, Naivität, Temperament, Instinkt und Witz.'" (Hoffmann 36). Die Familie lebte nach der Bergpredigt, und kein Bettler wurde von der Tür je fortgeschickt. Es gab immer eine Tasse Kaffee für irgendeinen, der an die Tür klopfte. Die Wohnung war immer offen, und während der Kindheit und Jugend Bölls traf sich oft darin ein Kreis von zwanzig bis dreißig jungen Leuten. Durch ihre politischen Besprechungen lernte der junge Heinrich, seine Meinungen auszudrücken und zu verteidigen.

Im Alter von sechs Jahren ging Böll auf eine katholische Schule; drei Jahre später schrieb er sich im Gymnasium Kaiser Wilhelms in Köln ein, wo er neun Jahre blieb. Am 1.Mai 1933 beobachtete er den ersten Nazi Marsch in Köln, und er begriff den Ernst der Lage. Im Januar, als Hitler Reichskanzler geworden war, hatte Heinrichs Mutter gesagt: "Das bedeutet Krieg". (Hoffman 29)

Alle Bölls Klassenkamareden gehörten der Hitlerjugend an, aber er weigerte sich. Er sagte: " Ich hatte keine Lust, es gefiel mir nicht - jetzt ganz unabhängig vom Politischen - dieses blöde Marschieren und die Uniformen". Er blieb auch nicht in dem katholischen Jugendklub. "Es war sehr militärisch und sehr puritanisch von Jesuiten geleitet, und diese Art von Fithalterei durch die katholische Jugendbewegung paßte mir nicht" (Hoffmann 42). Als die Hitlerjugend marschierten, mußten Böll und ein paar andere in der Schule bleiben und aufräumen. In seiner freien Zeit ging er durch die Straßen oder den Rhein entlang spazieren. In diesen Jahren fing er auch zu schreiben an, aber nichts aus dieser Zeit wurde veröffentlicht. "Schreiben wollte ich immer, versuchte es schon früh, fand aber die Wörter erst später" [Böll (2) 26].

In der Deutschstunde des Gymnasiums mußten die Studenten Mein Kampf lesen. Der Lehrer machte aber nur ironische Bemerkungen über dieses Buch und forderte, daß die Studenten die Sätze umschreiben damit sie klarer wurden! Die Studenten lernten gute Schreibtechnik, und die Verachtung des Lehrers für Hitler wurde ihnen mitgeteilt. Der junge Böll verstand und war dankbar für dieses Erlebnis [Conrad (1) 9].

Obwohl seine Studien im Gymnasium 1937 zu Ende kamen, wurde er nicht von der Universitat akzeptiert, weil er der sechsmonatigen Arbeitsdienstpflicht nicht entsprochen hatte. Er lehnte es ab, für die Regierung zu arbeiten, und daher nahm er in Bonn eine Lehre bei einem Buchhandler an. Hier konnte er viele verbotene Bücher lesen, aber nach einigen Monaten ging er wieder nach Köln. Kurz danach wurde er zum Arbeitsdienst einberufen, und er mußte sechs Monate lang Graben ziehen. Als er nach Hause kam, versuchte er sich an der Üniversität Köln zu immatrikulieren, aber innerhalb einiger Wochen mußte er in die Wehrmacht eintreten [Conrad (1) 10].

Die nächsten sechs Jahre verbrachte Böll als gemeiner Soldat in Hitlers Wehrmacht. Er diente in Frankreich und Rußland und in einigen anderen Ländern im Osten. Viermal wurde er verwundet, und vielmal versuchte er den Krieg zu entfliehen, in dem er sich krank stellte. Während eines Urlaubs 1942 heiratete er Annemarie Cech, eine aus dem Freundeskreis, der sich im Haus Bölls getroffen hatte. Seine Mutter starb 1944 an einem Herzinfarkt nach einem Bombenangriff. Um 9. April 1945 wurde er von amerikanischen Soldaten gefangengenommen. Für ihn war dieser Tag der Tag der Entbindung, und nie vergaß er, den Alliierten für die Befreiung Deutschlands zu danken. Dieses Thema ist in seinem Werken der folgenden vierzig Jahre oft zu sehen; dadurch wurde er im Ausland sehr populär, aber in konservativen Kreisen Deutschlands machte es ihn manchmal zu einem verachteten Feind [Conrad (1) 11].

Während des Krieges schrieb Böll seiner Frau und seiner Familie mehr als ein tausend Briefe. Einige in ihnen ausgedrückten Gedanken charakterisieren viel von seiner Lebensarbeit und geben ein Bild seines Seelenlebens. Diese Auszüge zeigen seine Liebe für die einfachen Vergnügungen, seinen tiefen religiösen Glauben, seine Hochachtung vor der Wahrheit, und seinen großen Haß gegen den Krieg und alle, die mit ihn verbunden waren. Am 4. April 1941 schrieb er:

…ich kann es mir gar nicht mehr ausdenken, wie es war in den märchenhaft tief versunkenen Zeiten, wo wir noch spazierengehen, rauchen, trinken, schlafen konnten, wann wir wollten. Es muß eine tolle Zeit gewesen sein! Gott schenke uns, daß wir die Erinnerung an sie nicht ganz aus dem Gedächtnis verlieren; damit wir nicht wahnsinnig werden, wenn sie wieder uns kommt, diese Zeit....
Und am 5. Juni 1941:
…Manchmal träumen wir ja von einem wirklichen 'Frieden', aber ich glaube, den gibt es nicht. Das wäre mindestens die absolute Kampflosigkeit, und die kann für uns Christen nur beginnen, wenn wir endgültig dem Kreuz abgeschworen haben; das werden wir ja niemals tun können…es wird bestimmt eine Zeit kommen…daß man einmal mit brennendem Herzen und glühendem Mund wird für die Wahrheit sprechen dürfen und müssen…
Und schließlich schrieb er am 19. Juni 1944 an seine Familie: "Ich hasse den Krieg und alle die, die ihn lieben!" (Hoffmann 89-92, 98).

Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft im September 1945 ging er mit Annemarie nach dem zerstörteten Köln zurück. "Als wir Köln wiedersahen, weinten wir" (Hoffmann 77). Die Stadt, die im Jahre 1939 800.000 Einwohner gehabt hatte, hatte 1945 nur noch 28.000. Mit ihnen im Haus lebten seine zwei Brüder und ihre Frauen und Kinder, der 76jährige Viktor Böll, und andere Bekannte mit Familien. Es war eine sehr schlimme Zeit - sie hatten nicht genug zu essen, sie hatten kaum Kohle zur Heizung, und sie mußten immer gegen den Staub kämpfen. "Staub drang durch alle Ritzen, setzte sich in Bölls Manuskripte und Bücher, Staub lag auf dem Brot und auf der Suppe, er klebte auf Wimpern und Brauen, zwischen den Zähnen, auf Gaumen und Schleimhäuten, in Wunden" (Hoffmann 117).

Sein erster Sohn, geboren als er Kriegsgefangener war, starb nur einen Monat nach ihrer Rückkehr; mit Penicillin wäre es vielleicht möglich gewesen, ihn zu retten. Zwischen 1947 und 1950 wurden noch drei Söhne geboren. Annemarie wurde als Englischlehrerin beschäftigt, und Böll arbeitete dann und wann in der Familientischlerei, aber jetzt fing er im Ernst zu schreiben an.

In der Nachkriegszeit war dieses Bestreben aber nicht so leicht. Die Sprache wurde von den Nazis verdorben, und übliche Wörter hatten neue Bedeutungen angenommen. Zum Beispiel, im Wortschatz der Nazis bedeutete heil Euthanasie, krank bedeutete tot, Abgabe bedeutete Beschlagnahme, und die Vernichtung der Rassen wurde von der Reichssicherheitshauptamt ausgeübt. Wie sollte man die Wörter Sicherheit, Haupt, und Amt benutzen, da sie für Millionen Tod bedeutete? [Conrad (2) 29]. Um seine Ideen klar zu machen, benutzte Böll damals nur einfache Wörter, weil die komplizierte Wörter von den Nazis mißbraucht wurden. Ein Beispiel der sich wiederholenden und einfachen Wörter Bölls ist in der Kurzgeschichte Mein teures Bein (1950) zu sehen:

Sie haben mir jetzt eine Chance gegeben. Sie haben mir eine Karte geschrieben, ich soll zum Amt kommen, und ich bin zum Amt gegangen. Auf dem Amt waren sie sehr nett. Sie nahmen meine Karteikarte und sagten: "Hm." Ich sagte auch: "Hm."

"Welches Bein?" fragte der Beamte.

"Rechts."

"Ganz?"

"Ganz."

"Hm", machte er wieder….. [Boll (3) 117]

Sein erstes Buch, Der Zug war pünktlich, wurde 1947 veröffentlicht, und im gleichen Jahr erschienen mehrere Kurzgeschichten in Zeitungen und Zeitschriften. Eine Sammlung Kurzgeschichten, Wanderer, kommst du nach Spa…wurde 1950 in Umlauf gesetzt. Die meistens waren Geschichten von Soldaten und ihren Freundinnen, Geliebten, oder Frauen, und sie handelten sich um Kriegserlebnisse. Sie gehörten der sogennanten Trümmerliteratur an, die Eindrücke vom Krieg und der Vernichtung, Todeserrinerung, und Sprachlosigkeit angesichts dieser Erlebnisse beschrieb. Sie erregten Aufmerksamkeit von den Kritikern, aber sie waren sehr schwer zu verkaufen.

Die besten Schriftsteller im Nachkriegsdeutschland gehörten der Gruppe 47 an. Böll wurde 1951 von ihnen eingeladen, von seinem Werk zu lesen. Er las Die schwarzen Schafe und gewann dafür den ersten Preis. Es brachte ihm ein tausend Mark (die er auch nötig hatte), und zur gleichen Zeit Anerkennung. Dies war der Wendepunkt seiner Karriere [Conrad (1)]

Guter Erfolg kam schnell. Er schrieb Kurzgeschichten, Romane, Dramen, Aufsätze, alle Literaturtypen in Hülle und Fülle.

Morgens wenn ich erwacht bin, denke ich schon darüber nach, welches Problem schmutzig und zeitnah genug und damit wert ist, dargestellt zu werden….Habe ich diesen ersten Satz geschrieben, so gibt es kein Halten mehr: achtzig, neunzig bis zu hundertzwanzig Schreibmachinenseiten rassele ich hinunter, bis mir am Abend die erstarrten Finger von den Tasten gleiten; ich taumele ins Bett… [Böll (1) 97-98].
Im Jahre 1953 bekam er den Kulturpreis der Deutschen Industrie, den Suddeutschen Radiopreis, und den Preis der Deutschen Kritiker. Der Preis der Tribune de Paris, der Eduard von der Heydt Preis der Stadt Wuppertal, der Literaturpreis von der Stadt Köln und mehrere andere Preise wurden ihm in den nächsten Jahren verliehen. 1967 bekam er die höchste Auszeichnung Deutschlands, den Büchner Preis von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtkunst, und zuletzt 1972 erhielt er für den Roman Gruppenbild mit Dame den Nobel Preis für Literatur. Den größten Teil der Preisgelder stiftete er für Schriftsteller in Not [Conrad (1) 15].

In seinem Schreiben versuchte Böll Begriffe wie Wohnen, Nachbarschaft, Heimat, Geld, Liebe, Religion, Mahlzeiten genau und neu zu bezeichnen. "[Ich] suche nach einer bewohnbaren Sprache in einem bewohnbaren Land" [Butler (2) 13]. Für ihn symbolisierte das Wort Brot menschliche Beziehungen: Brot brechen, Kaffee teilen, einfache Mahlzeiten. Solche Teilungen erfüllen eine menschliche Notwendigkeit und zur gleichen Zeit, drücken sie die Bedeutung des christlichen Lebens aus [Butler (2) 13]. In seinen frühen Werken versuchte er weder den Krieg zu erklären, noch wie er begann, oder wer schuldig war. "Ich glaube nicht, daß jemand schuldig ist, weil er geboren ist, wo er geboren wurde, aber auch ist keiner unschuldig , weil er geboren ist, wo er geboren wurde. Die Schuld der Zeitgenossen tragen wir alle" (Hoffmann 123). Seine Charaktere sind oft namenlos - sie repräsentieren die leidende Menschheit; und sie tun, wie ihr geheißen, und gewöhnlich sterben sie. Immer hassen sie den Krieg, aber nicht den feindlichen Soldat; polnische, russische, und französiche Soldaten sollen die Sympathie der Leser in den Geschichten Bölls erregen [Conrad (2) 41]. Er sagte, daß die Politik des Staates sowie der Kirche verdorben wäre, und daher müße man, um Zeichen der Menschheit zu finden, Gruppen oder Individuen darstellen, die von dem System ignoriert, abgelehnt, oder niedergedrückt wären.

Er haßte die Bezeichnung Gewissen der Nation, die 1961 ihm Der Spiegel gab. Er glaubte, daß der Gewissen der Nation das "Parlament der Leuten, ihr Gesetzbuch, ihre Gesetzgebung und ihre Rechtsprechung" sei, und die Pflicht des Schriftstellers darin läge, das Gewissen aufzurühren, aber nicht zu verkörpern [Butler (2) 2]. In seiner Nobelansprache sagte er, daß die Funktion der Literatur sei: arrogante Ansprüche auf die Gesamtheit, die von allen ideologischen Systemen gemacht werden, herauszufordern. Die Literatur kann, überdies, unser Wissen um die menschlichen Möglichkeiten verbreiten. [Butler (2) 15].

Im Dezember 1979 machten Böll und seine Frau eine Reise nach Ecuador, um ihren Sohn, Vincent, und seine Familie zu besuchen. Die 3000 Meter Höhe strengte ihn an, und er mußte zum Arzt gehen. Seine vielen Jahre als Raucher hatten Beschädigungen seiner Aorta und der Arterien am Bein bewirkt. Er unterzog einer großen Operation in Quito, und ging drei Wochen später nach Deutschland zurück. Sofort aber war er wieder in Lebensgefahr, und die Zehen des linken Fußes wurden amputiert. Er blieb vier Monate in einer Klinik für Gefäßleiden in der Nähe von Köln. Um sein linkes Bein zu retten, mußte er das Rauchen ganz aufgeben und zwei Kilometer täglich laufen. Obwohl das Rezept gefiel ihm nicht, besserte er sich, und das Bein wurde gerettet. Von da an brauchte er Spezialschuhe und Krücken (Hoffman 252-3).

Nach seiner Krankheit war es Böll monatelang unmöglich zu schreiben, aber später begann er als Literaturkritiker wieder zu arbeiten. Marcel Reich-Ranicki, der Redakteur einer Kölner Zeitung, bat ihm, einen Bericht über seine Schulzeit zu schreiben, aber er lehnte ab. "Autobiographie ist das schwerste', sagte er (Hoffman 255).

Im Januar 1982 zogen Böll und Annemarie nach Merten im Vorgebirge, weil das Haus in Köln zu groß und laut war, und die Wohnung im zweiten Stock lag. In Merten wohnten sie in einem früheren Wirtshaus angrenzend an das Haus ihres Sohnes, Rene, seiner Frau und ihrer Kinder. Er setzte zu schreiben fort, aber im allgemeinen kurzere Werke, und mit seiner Frau machte er viele Übersetzungen aus dem Englischen. Er machte seinen täglichen Spaziergang und las mehrere Zeitungen; er war ein leidenschaftlicher Bücherleser.

Nach der Operation war Böll immer etwas krank, obwohl er selten darüber klagte. Am 1. August 1982 starb sein Sohn, Raimund, der nur 35 Jahre alt war. Noch dazu starben drei enge Freunde in einer einzigen Woche. Böll war tief getroffen. Nur das Schreiben machte ihm Freude, und er begann einen neuen Roman (Hoffmann 264).

Sein Tod war unerwartet. Böll und Annemarie verbrachten den Sommer 1985, wie gewöhnlich, in Langenbroich. Sein neuester Roman Frauen vor Flußlandschaft war fertig, und er hatte am 13. Juni die Druckfahne korrigiert. Am letzten Wochenende im Juni hatte er Schmerzen im Bauch. Er ging ins Krankenhaus und wurde wieder operiert. Am 15. Juli ging er nach Hause, und am nächsten Morgen starb er (Hoffmann 277-8).

Die Familie wollte eine private Beerdigung, aber mehr als 200 Trauergäste, der Bundespräsident von Weizsäcker eingeschlossen, kamen. Der Pfarrer Herbert Falken, ein Freund Bölls, schloß seine Predigt: "Wir bitten in Namen des Toten um Frieden und Abrüstung, Dialogbereitschaft, gerechte Verteilung der Güter, Versöhnung der Völker untereinander und Nachlaß der Schuld, die vor allem uns Deutsche drückt" (Hoffmann 278).

Der Name Bölls war sowohl bevor als auch nach seinem Tod überall in Deutschland bekannt. Das Allenbach Institut machte 1978 eine Umfrage, die ergeben soll, wer die bekanntesten Persönlichkeiten waren. Die Ergebnisse zeigten, daß Heinrich Böll und Günter Grass wie die führenden Politiker am meisten bekannt waren. Böll war an zweiter Stelle nach Helmut Schmidt; 89% der Befragten kannte, wer er war, und 31% von denen, die älterer als 16 Jahre waren, hatte ein Buch Bölls gelesen. Noch eine Umfrage in den 80er Jahren zeigte Böll wieder an zweiter Stelle nach dem Kanzler, Helmut Kohl. Es ist klar, daß Böll einen großen Einfluß auf die Literatur und das öffentlichen Leben Deutschlands hatte. Der Meinung Robert Conrads nach sollen vielleicht die Jahre 1960-1985 Das Alter Heinrich Bölls gennant werden [Conrad (1) 15].

Böll schrieb sehr wenige Gedichte, aber nur einige Wochen vor seinem Tod schrieb er dieses Gedicht für seine 7jährige Enkelin:

Für Samay Wir kommen weit her
liebes Kind
und müssen weit gehen
keine Angst
alle sind bei Dir
die vor Dir waren
Deine Mutter,
Dein Vater
und alle, die vor ihnen waren
weit weit zurück
alle sind bei Dir
keine Angst
wir kommen weit her
und müssen weit gehen
liebes Kind.
Dein Großvater
8.Mai 1985. (Hoffmann 284)

BIBLIOGRAPHIE


  1. Heinrich Böll. Aufsätze-Kritiken-Reden II. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1969. pp. 97-98.

  2. Heinrich Böll. "Über mich selbst" in Der Schriftsteller, Heinrich Böll, Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Köln: Kiepenhauer & Witsch, 1962 pp. 24-26.

  3. Heinrich Böll. Wanderer, kommst du nach Spa… München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1967.

  4. Michael Butler. "The Conscience of a Nation: Heinrich Böll" [http://www.english.upenn.edu/~afilreis/Holocaust/boll.brief-bio.html], March 1997.

  5. Michael Butler. "The Conservative Moralist" in The Narrative Fiction of Heinrich Böll. Michael Butler, ed. New York: Cambridge University Press, 1994. pp. 1-20.

  6. Robert C. Conrad. Heinrich Böll. Twayne's World Authors Series, A Survey of the World's Literatur, U. Weisstein, ed. Boston: Twayne Publishers, 1981.

  7. Robert C. Conrad. Understanding Heinrich Böll. Columbia, South Carolina: University of South Carolina Press, 1992.

  8. Gabriele Hoffmann. Heinrich Böll. Bornheim-Merten. Lamuv Verlag, 1986.

  9. Richard von Weizsäcker. Beiliedsbrief. Via e-mail von Markus Volz, Kölner Bibliothek. mvolz@stbib-köln.de 6 Mai 1997.