GER 343: German Literature
Oregon State University
June 5, 1997

Erich Kästner
1899-1974

von Barbara Kindler

Erich Kästner, einer der populärsten deutschen Schriftsteller des zwanstigsten Jahrhunderts, hatte viele literarische Talente, er schrieb Gedichte, Novellen, Kurzgeschichten, Lieder, Filmmanuskripte, Theaterstücke, Romane, und Kinderbücher.

Kästner wurde am 23 Februar 1899 in Dresden als Kind ärmlicher, bürgerlicher Eltern geboren. Sein Vater war gelernter Sattler, arbeitete aber aus finanziellen Gründen in einer Kofferfabrik. Seine Mutter unterstützte die Familie mit gelegentlichen Aufträgen als Frisöse und Schneiderin. Daß Erich Kästner eigentlich der uneheliche Sohn eines Arztes namens Zimmerman war, war ein gut gehütetes Geheimnis, das nur wenigen bekannt war. Erichs Mutter, Ida Kästner, nahm sich vor, ihrem Sohn die Möglichkeit zu geben, aus den armseligen Familienverhältnissen herauszukommen, und deshalb hielt sie ihn an, in der Schule zu lernen, reiste mit ihm und nahm ihn ins Theater mit. Erich war ein "Mustersohn und ein Musterschüler" (Schnell 103).

Während eines Urlaubs an der Ostsee im Jahre 1914 erklärte der deutsche Kaiser die Mobilmachung . "Der erste Weltkrieg hatte begonnen und meine Kindheit war zu Ende" (Knust 163) erinnerte sich Erich Kästner in seinen Jugendmemoiren, Als ich ein kleiner Junge war (1957). 1917 wurde Erich Kästner ins Militär eingezogen. Während der, wie er sie nannte, "brutalen Militärübungen" (Knust 167) zog sich Erich Kästner einen permanenten Herzfehler zu. Diese Erfahrung verursachte, daß Kästner in vielen seiner Gedichte und Geschichten immer wieder die militärischen Traditionen der Deutschen verspottete und attackierte.

Seine Entscheidung, Lehrer zu werden, war wahrscheinlich von anderen Lehrern beeinflußt, die bei der Familie Kästner während Erichs Jugend als Untermieter wohnten. Aber Erich gab diesen Berufszweig bald wieder auf, da er mit den autoritären Lehrmethoden und der unterwürfigen Disziplin, die von Schülern erwartet wurde, nicht einverstanden war. Er kritisierte später mehrfach die "Lernbarracken" und die unfähigen Lehrer, die die "Fantasie und den Intellekt der Schüler unterdrückten" (Knust 168), anstatt zu fördern. Außerdem wollte er lieber lernen als lehren. Als Kriegsgeschädigter hatte Kästner die Gelegenheit, ein Gymnasium zu besuchen und danach erhielt er aufgrund seiner guten Leistungen ein Stipendium der Stadt Dresden. Er besuchte die Universitäten Leipzig, Rostock, und Berlin und studierte Literatur, Theater, Geschichte und Philosophie.

Seine Doktorarbeit über "Friedrich des Großen: Seine arrogante und ignorante Sicht der deutschen Literatur" (Ahl 145), ist heute noch "unübertroffen" (Ahl 145). Im Jahre 1927 fand Kästner eine gut bezahlte Stelle als Journalist, aber ein satirisches, erotisches Gedicht, das er veröffentlichte, löste einen solchen Skandal aus, daß ihm gekündigt wurde.

Wie viele andere begabte junge Leute entschloß sich Erich Kästner, in die Großstadt Berlin umzuziehen. Seine Gedichte und Geschichten, die in den liberalen Zeitschriften veröffentlicht wurden, verhalfen ihm bald zum Ruhm. Seine Themen waren immer aus dem Leben genommen, und er nannte seine Gedichte "Gebrauchslyrik". Obwohl Kästner nie predigte, hatte er immer die Absicht, den Menschen einen Spiegel vorzuhalten, in der Hoffnung, daß sie ihre Fehler erkennen und hoffentlich etwas lernen.

"Kästner, ein Idealist ohne Illusionen, ein Realist in Sachen Leben und Mensch, ein Idylliker der Parodie" (Ahl 145), war nicht nur ein Zeitchronist sondern auch ein Zeitkritiker, wie eine seiner berühmten Geschichten beweist. Fabian, die Geschichte eines Moralisten (1931) erzählt die Geschichte eines Werbeagenten, dessen Moral sich nicht mit der Zeit vereinbaren läßt. Fabian erlebt eine Enttäuschung nach der anderen, er hat alle Illusionen verloren und ist sehr verzweifelt. Er denkt daran, Selbstmord zu begehen, tut es doch nicht, aber ironischerweise ertrinkt er in seinem Versuch, ein Kind zu retten, das von einer Brücke gefallen ist, denn Fabian kann nicht schwimmen. Lern Schwimmen ist der Titel des letzten Kapitels. In diesem Roman, sagte Kästner später, habe er die Absicht, die Leser vor dem kommenden Verfall Deutschlands und Europas zu warnen, aber obwohl das Buch von vielen gelesen wurde, verstanden die Wenigsten es. "In der Sinnlosigkeit verbarg, welche Gefahr, welcher Abgrund auch, der Deutschland, Europa, die ganze Welt bedrohte" (Ahl 150).

Kästner war ein Vertreter der "Neuen Sachlichkeit". Neue Sachlichkeit in Deutschland galt als "ein resignatives Zeichen der Erschöpfung ästhetischutopischer Programmatik" (Kaes XXXIII). Fabian wurde während dieser Literaturepoche geschrieben. Kästner merkte allerdings danach, daß sein Versuch, den Leuten einen Spiegel vorzuhalten, nicht gut ankam, also entschloß sich Kästner, weiterhin Kinderbücher zu schreiben.

Auf Anfrage eines Buchverlegers schrieb Erich Käsnter 1928 sein erstes und berühmtestes Kinderbuch Emil und die Detektive. Diese Geschichte, die mehrfach verfilmt wurde und in viele Sprachen übersetzt wurde, bildete die Grundlage für viele seiner späteren Kindergeschichten, in denen er die "unschuldige" Welt der Kinder mit der der Erwachsenen in Verbindung bringt, und der Humor und der Erfolg dieser Geschichten kommt oft von der Tatsache, daß "the children’s republic functions better than that of grownups" (Knust 168). Es wurde auch geschrieben, daß "Emil und die Detektive inspired a movement toward contemporary themes in children’s books" (Kamenetsky 15).

1933 sah Kästner seinen Höhepunkt als Schriftsteller in Berlin gesehen, aber dies kam gleichzeitig mit Hitlers Aufstieg. Kästners Bücher wurden zusammen mit denen vieler anderer Autoren öffentlich verbrannt da sie nicht im "deutschen Sinne" waren. Kästner wurde später interviewt und kommentierte, "watching my books burn, I would have liked to shout back at ‘them’ through the microphone, yet instead I only clenched my fists in my pockets" (Kamenetsky 34). Kästner wurde zweimal von der Gestapo verhört, und obwohl ihm verboten wurde, seine Werke in Deutschland zu veröffentlichen, lehnte er es ab, eine Stelle bei einer Nazifreundliche Zeitung aus der Schweiz anzunehmen. Anstatt schrieb er in Zürich mehrere reine Unterhaltungsgeschichten, ohne sozialen Hintergrund oder politische Realität wie zum Beispiel Drei Männer im Schnee (1934), Die Verschwundene Miniatur (1935) und Der Kleine Grenzverkehr (1938).

Wegen seines Herzfehlers wurde Erich Kästner nicht zum Militär während des zweiten Weltkriegs eingezogen. Zu Hause wurde er Zeuge der Zerstörung der deutschen Städte, sah das Elend der Bevölkerung, sah Freunde ermordet, den fast zum Wahnsinn grenzenden Fanatismus und letzten Endes den Zusammenbruch seines Vaterlandes. Seine persönlichen Eindrücke der letzten Kreigsjahre veröffentlichte Kästner später in einer Art Tagebuch unter dem Titel Notabene 45.

Nach dem Krieg zog Kästner nach München, wo er Herausgeber der Zeitung Die neue Zeitung wurde, und für mehrere Cabarets wie Die Schaubude und Die keine Freiheit schrieb. Seine Artikel und Beiträge waren nun wieder politisch und sozial "gefärbt". Sie behandelten aktuelle Tageserlebnisse, warnten vor der Wiederholung alter Fehler und erzählten von der Wichtigkeit von Freiheit und Frieden.

1949 veröffentlichte Kästner nochmals zwei Kinderbücher, Die Konferenz der Tiere, und Das doppelte Lottchen. Die Konferenz der Tiere ist erfolgreicher als die unzähligen, ergebnislosen Konferenzen der Politiker. Im doppleten Lottchen bringen Zwillinge ihre geschiedenen Eltern wieder zusammen. Symbolischerweise war das Thema der "Wiedervereinigung" im geteilten Nachkriegsdeutschland war wichtig: es gab ein Parallel zwischen Das doppelte Lottchen und der Lage in Deutschland. Das doppelte Lottchen wurde in Amerika berühmt mit Hilfe von Walt Disney. Disney nannte den Film The Parent Trap.

Kästner war nicht verheiratet, hatte aber einen Sohn, der 1957 geobren wurde. Die Beiden hatten allerdings nie eine besonders enge Verbindung. Aber dennoch schrieb Kästner zwei Kindergeschichten, Der keine Mann und Der kleine Mann und die kleine Maus für seinen Sohn.

In der fünfziger und sechsiger Jahren wurde Erich Kästner mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Er erhielt den Büchner Preis, mehrmals den Literaturpreis der Stadt München, die Haus Christian Andersen Medaille für seine Kinderbücher, den Lessing Ring und 1969 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Kästner starb am 29. Juli 1974 im Alter von 75 Jahren.

Zum Schluß eine persönliche Note. Ich bin mit Erich Kästner groß geworden, und "Pünktchen und Anton" ist heute noch mein lieblings Kinderbuch. Es ist interessant, Erich Kästner als literarischer Schriftsteller kennenzulernen, denn er hat einen wichtigen Platz in den Herzen von vielen deutschen Kinder und Erwachsene.


Bibliographie

  1. Herbert Ahl. Literarische Portraits. Müchen: Langen Müller Verlag, 1962.

  2. Anton Kaes. Weimarer Republik: Manifeste und Dokuments zur deutschen Literature 1918-1933. Stuttgart: Metzler Verlag, 1983.

  3. Christa Kamenetsky. Children's Literature in Hitler's Germany. Athens, Ohio: Ohio University Press, 1984.

  4. Herbert Knust. "Erich Kästner." Dictionary of Literary biography. Vol. 56. Ed. James Hardin. Detroit: Gale Research company, 1987.

  5. Ralf Schnell. Die Literatur der Bundesrepublik. Stuttgart: Metzler, 1986.