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DAS EPISCHE THEATER


Es soll hier nicht auseinandergesetzt werden, wodurch die lange für unüberbrückbar angesehenen Gegensätze zwischen Epik und Dramatik ihre Starre verloren, es soll genügen, wenn darauf hingewiesen wird, daß schon durch technische Errungenschaften die Bühne instandegesetzt wurde, erzählende Elemente den dramatischen Darbietungen einzugliedern. Die Möglichkeit der Projektion, der größeren Verwandlungsfähigkiet der Bühne druch die Motorisierung, der Film vervollständigten die Ausrüstung der Bühne, und sie taten dies in einem Zeitpunkt, da die wichtigsten Vorgänge unter Menschen nicht mehr so einfach dargestellt werden konnten, in dem man die bewegenden Kräfte personifizierte oder die Personen unter unsichtbare, metaphysische Kräfte stellte.

Zum Verständnis der Vorgänge war es nötig geworden, die Umwelt, in der die Menschen lebten, groß und "bedeutend" zur Geltung zu bringen.

Diese Umwelt war natürlich auch im bisherigen Drama gezeigt worden, jedoch nicht als selbständiges Element, sondern nur von der Mittelpunktsfigur des Dramas aus. Sie entstand aus der Reaktion des Helden auf sie. . . .

Die Bühne begann zu erzählen. Nicht mehr fehlte mit der vierten Wand zugleich der Erzähler. Nicht nur der Hintergrund nahm Stellung zu den Vorgängen auf der Bühne, indem er auf großen Tafeln gleichzeitige andere Vorgänge an andern Orten in die Erinnerung rief, Ausprüche von Personen durch projekzierte Dokumente belegte oder widerlegte, zu abstraken Gesprächen sinnlich faßbare, konkrete Zahlen lieferte, zu plastischen, aber in ihrem Sinn undeutlichen Vorgängen Zahlen und Sätze zur Verfügung stellte--auch die Schauspieler vollzogen die Verwandlung nicht vollständig, sondern hielten Abstand zu der von ihnen dargestellen Figur, ja forderten deutlich zur Kritik auf.

Von keiner Seite wurde es dem Zuschauer weiterhin ermöglicht, durch einfache Einfühlung in dramatische Personen sich kritiklos (und praktisch folgenlos) Erlebnisse hinzugeben. Die Darstellung setzte die Stoffe und Vorgänge einem Entfremdungsprozeß aus. Es war die Entfremdung, welche nötig ist, damit verstanden werden kann. Bei allem "Selbstverständlichen" wird auf das Verstehen einfach verzichtet.

Das "Natürliche" mußte das Moment des Auffälligen bekommen. Nur so konnte die Gesetze von Ursache und Wirkung zu Tage treten. Das Handeln der Menschen mußte zugleich anders sein können.

Das waren große Änderungen.

Der Zuschauer des dramatischen Theaters sagt: Ja, das habe ich auch schon gefühlt. -- So bin ich. -- Da ist nur natürlich. -- Das wird immer so sein. -- Das Leid dieses Menschen erschüttert mich, weil es keinen Ausweg für ihn gibt. -- Das ist große Kunst: da ist alles selbstverständlich. -- Ich weine mit den Weinenden, ich lache mit den Lachenden.

Der Zuschauer des epischen Theaters sagt: Das hätte ich nicht gedacht. -- So darf man es nicht machen. -- Das ist höchst auffällig, fast nicht zu glauben. -- Das muß aufhören. -- Das Leid dieses Menschen erschüttert mich, weil es doch einen Ausweg für ihn gäbe. -- Das ist große Kunst: da ist nichts selbstverständlich. -- Ich lache über den Weinenden, ich weine über den Lachenden.


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