GER 343: German Literature
Oregon State University
June 05, 1997

Bertolt Brecht
1898 - 1956

von Aaron Hale

Seine Werke gehören zu den am meisten aufgeführten Theaterstücken der heutigen Bühne. Von dem englischen Schauspieler, Charles Laughton, wurde er mit Shakespeare verglichen. Kritiker nennen ihn den wichtigsten Dramatiker des 20. Jahrhunderts: dieser heißt Bertolt Brecht.

Am 10. Februar 1898 wurde Eugen Bertholt Friedrich Brecht zu einer mittelständigen Familie in Augsburg in Bayern geboren: später änderte sich er seinen Namen auf Bertolt. Daß seine Familie evangelisch war, war der Entwicklung Brechts wichtig. Angehörige der evangelischen Kirche waren eine Minderheit in diesem überwiegend katholischen Gebiet: möglicherweise speilte diese Gegenströmung eine einflußreiche Rolle im Leben Brechts.

Schon mit sechzehn Jahren wurde ein von seinen Gedichten veröffentlicht. 1917 fing er das Studium in München an: er hatte Medizin als Hauptfach. Im nächsten Jahr wurde er zum Militärdienst eingerufen, und er diente in einem Krankenhaus. Vor diesem Dienst hatte er nichts gegen dem Staat. Seine Erfahrungen während des Krieges veränderten seine Meinungen in Bezug auf der deutschen Regierung und machten ihn zum überzeugten Passivisten. Trotz der negativen Erfahrungen kam etwas Positives doch daraus: er lernte Lion Feuchtwanger kennen, der ein guter Freund und wichtiger Mitarbeiter Brechts werden würde. Im selben Jahr schrieb er Baal, sein erstes Theaterstück.

Er beschäftigte sich immer mehr mit dem Theater. An den Münchner Kammerspielen war er tätig als Dramaturg. 1922 schrieb er das Stück, Spartakus, das später Trommeln in der Nacht genannt wurde. Dafür bekam er den Kleist-Preis, der dem besten jungen Dramatiker in Deutschland verliehen wird. Dieser Erfolg ermöglichte ihm, 1924 nach Berlin umzuziehen und mit dem begabten Regisseur, Max Reinhardt, zu arbeiten.

Zu jener Zeit war Berlin ein Zentrum der Künste, der Kultur, und der Politik. Er lebte als freier Schriftsteller dort, wo viele Intellektuelle der gleichen Meinungen wohnten. Um diese Zeit begann Brecht, die Lehren von Karl Marx zu studieren, und es stellte sich heraus, daß der Marxismus entsprach seinen Vorstellungen einer veränderbaren Gesellschaft bzw. Welt entsprach. Gesellschaftliche Probleme störten ihn sehr, und er gebrauchte die Literatur als eine Methode, seine Anliegen zum Ausdruck zu bringen. Zu jener Zeit schrieb er Mann ist Mann (1926), in dem er den Kapitalismus stark kritisierte.

Trotz der sehr progressiven Gedanken bzw. der heikelen Themen, die in seinen Werken behandelt wurden, wurde er immer populärer. 1928 erlebte Brecht seinen größten Erfolg mit seinem Stück, Die Dreigroschenoper. Bei der Premiere gab es eine rekordbrechende Zahl von Zuschauern. Brecht wollte, daß der Zuschauer den ungeheur, echten Zustand der Armen und die grundlegende Zähflüssigkeit der Gesellschaft bemerkt; er sollte sich danach entschließen, eine gesellschaftliche Veränderung zu veranstalten. Leider sahen die meisten Zuschauer das unglaubliche Benehmen der Figuren, nämlich das Mackie Messers, und rechtfertigten die gesellschaftliche Nachlässigkeit den Armen gegenüber wegen des bestialischen Benehmens solcher Leute. Nach diesen „verkehrten" Reaktionen entschloß sich Brecht, seine Gedanken und Ziele ganz klar zu machen.

Im selben Jahr der Uraufführung der Dreigroschenoper heiratete Brecht eine begabte Schauspielerin namens Helene Weizel. Möglicherweise war dieses Jahr die glücklichste Zeit seines Lebens. Obwohl es eine relativ gute Beziehung zwischen ihm und seiner Frau gab, war Brecht dafür bekannt, daß er immer mehrere „feste Freundinnen" hatte. Trotzdem stand sie sein ganzes Lebens lang neben ihm, und 1949 spielte sie die Hauptfigur eines seiner bekanntesten Stücke, Mutter Courage (1939).

Der Anfang der dreißiger Jahre brachte mit sich öffentlichen Streit zwischen den aufstiegenden Nazis und den Kommunisten. Als Brecht und andere linke Künstler immer mehr Werke über die Mängel der Gesellschaft schufen, gab es eine immer größere Spannung zwischen der Regierung und denen. Das Recht sich zu äußern wurde immer mehr begrenzt. 1933 wurden mehrere Stücke Brechts von Anhängern Hitlers unterbrochen. Allmählich wurde Brecht immer mehr von den Nazis wegen seiner progressiven Aussagen verfolgt. Brecht flieh kurz danach nach Dänemark und 1935 wurde seine deutsche Staatsangehörigkeit von ihm weggenommen. Nachdem er einige Jahre in Europa, nämlich in Schweden, in der Schweiz und in den UdSSR verbracht hatte, wanderte er 1941 nach Amerika aus, wie viele andere deutsche Künstler.

Die Vereinigten Staaten gefiehlen Brecht nicht so sehr. Um Geld zu verdienen schrieb er für Filme. Der größte Erfolg Brechts in Amerika war die zweite Fassung des Stückes Leben des Galilei (1945), in dem Brecht Parallele zur Atombombe zog. Brecht wollte über die Problematik und aktuelle Themen schreiben. Man würde meinen, es gäbe in den USA vor allem relativ mehr Freiheit zu schreiben, was auch immer man wollte. Aber in Wirklichkeit wurde die Meinungsfreiheit auch hier von der Kommunistenverfolgung durch McCarthy und die „House Un-American Activities Committee." Doch wurde Brecht auch in Amerika begrenzt, seine kommunistische Ideen zu vermitteln.

1947 kehrte er nach Europa zurück, und schließlich befand sich in Ost-Berlin, wo er weiterhin Stücke schrieb, wie Turandot (1953). 1955 erhielt er den Friedenspreis Stalins in Moskau. Ein Jahr später starb er am 14. August.

Wenn man ein Theaterstück von Bertolt Brecht zum ersten Mal liest oder auf der Bühne sieht, merkt man einen gewißen Unterschied dem traditionellen Theater gegenüber. Es darf als sicher gelten, daß die Dramentheorie Brechts eigenartig und völlig revolutionär war. Seine stark ausgedrückten Meinungen in Bezug auf den Zweck des Theaters beeinflussen Dramatiker heute noch. Was ist so sehr besonders an seinen Stücken? Das Folgende beschreibt seine Vorstellungen und Meinungen über den Zweck des Theaters.

Wenn man vom traditionellen Theater spricht, denkt man vielleicht an Shakespeare oder sogar an die Griechen. Kaum würde man eine Parallele vom Sophocles zu Brecht ziehen. Jedoch gibt es zwischen dem „alten" Theater und Brecht eine wichtige Verbindung. Dazu schrieb Brecht in seinem 1935 veröffentlichten „Lied des Stückeschreibers":

Um zeigen zu können, was ich sehe
Lese ich nach die Darstellungen anderer Völker und anderer Zeitalter.
Ein paar Stücke habe ich nachgeschrieben, genau
Prüfend die jeweilige Technik und mir einprägend
Das, was mir zustatten kommt.
Ich studierte die Darstellungen der großen Feudalen
Durch die Engländer, reicher Figuren
Denen die Welt dazu dient, sich groß zu entfalten.
Ich studierte die moralisierenden Spanier.
Die Inder, Meister der schönen Empfindungen
Und die Chinesen, welche die Familien darstellen
Und die bunten Schicksale in den Städten (Brandt 73).
Obwohl Brecht Stücke aus dem traditionellen als Rohrstoff von vieler seinen Werken gebrauchte, machte er auf keinen Fall weder deren Form noch deren Zweck nach.

Einen großen Unterschied sah er zwischen dem alten Theater und dem, was er schließlich schreiben würde. In Bezug auf den Tragödien Aristoteles sagte er, die schaften eine Figur, mit der der Zuschauer sich identifizieren sollte, dadurch solle er eine seelische Reinigung oder eine Katharsis erleben (Barnet, 457). Brecht meinte, daß das „heutige" Theater noch danach handelte: die Hauptfigur offenbart das innereste Sein und erkennt seine Schuld, daher erreicht er ein volles Verständnis seiner Schwächen und seines Schicksals (Barnet, 457). Zum großen Teil bildeten die Stückeschreiber seiner Zeit dieser aristotelischen Form nach, derer Zweck daraus bestand, „die vierte Wand" der Bühne verschwinden zu lassen.

In Bezug auf die Täuschungs- und Identifiziernsaspekte schrieb Brecht in Brecht ans Theater:

Alle—einschließend jeden Zuschauer—wird durch den Schwung von den dargestellten Ergebnissen weggeführt, so daß man in der Praxis bei der Vorführung Oedipuses ein Auditorium voller kleiner Oedipuses hat, ein Auditorium voller Kaiser Joneses bei Kaiser Jones (87).

Zufrieden verläßt man das Theater ohne wirklich nachzudenken oder sich zu entschliessen, irgend etwas zu ändern. Dieses so genannte aristotelisches Theater schafft die Meinung: „Das Leiden der Figur stört mich, weil man das nicht vermeiden kann….ich weine, wenn sie weinen: ich lache, wenn sie lachen" (Brecht 71).

Ganz im Gegenteil sollte das Theater Brechts allen zum Nachdenken bringen. Solches Theater bezeichnete er als „episches" bzw. „nicht-aristotelisches." Am Ende seines Leben erklärte er seine Theorie und die Hauptcharakteristiken dieser neuen, progressiven Form in Kleine Organon für das Theater (1948). Darin schrieb er den Vergleich des „dramatischen" und „epischen" Theaters. In Bezug auf das „nicht-aristotelische" Theater sagte er, daß man eine veränderbare Welt durch eine objektive Betrachtung der dargestellten Themen erkennen sollte, d.h., der Zuschauer wird zum Beobachter gemacht, statt mitzuerleben und sich zu identifizieren. Außerdem wird seine Fähigkeit zum Handeln gereizt, er wird dazu gezwungen, Entscheidungen zu treffen.

Kurz und gut sollte der Zuschauer sich entschliessen, eine Änderung zu machen. Brecht wollte das jetzige Dasein betonen, daß man in einer veränderbare Welt lebt. Um dieses Ziel zu erreichen, zerstört Brecht alle Mitgefühle durch die bekannten Verfremdungseffek. Unwirkliche Kulissen, ungewöhnlichen Gebrauch der Musik, oder Bilder auf der Bühne projizieren sind Beispiele dafür. Diese Methode entfernt den Zuschauer von den Figuren des Stückes, in dem man die Problematik durch Widersprüche erkennt.

Die Werken Brechts sind doch beides unterhaltsam und belehrend wegen der vielen Widersprüchen, die das Kern seiner Stücke bilden. Weiterhin sagte er: „Nicht-Aristotelische Dramatik ist eine Dramatik der Widersprüche und zum Genuß an diesen Widersprüchen." Er wollte die Problematik der Gesellschaft durch derer Heuchelei darstellen, um zu zeigen, daß „das gesellschaftliche Sein das Denken [bestimmt]:" die Welt muß geändert werden. Die Werke Brechts haben vielleicht ihre stärkste Wirkung durch ihre komödienhaften Züge (Zimmerman, 47).

Zusammenfassend sagte Brecht: „Angesichts von Hindernissen mag die kürzeste Linie zwischen zwei Punkten die krumme sein." Danach lebte Brecht, und darauf baute er seine Werken. Ob Brecht einem gefällt oder nicht, bleibt er einer der wichtigsten Dramatiker des 20. Jahrhunderts.


Bibliographie

  1. Brandt, Thomas O. Die Vieldeutigkeit Bertolt Brechts. Lothar Stiehm Verlag, Heidelberg, 1968.

  2. Brian Cliff, "William Blake and Bertolt Brecht: ‘Without Contraries is no progression’." [http://prometheus.cc.emory.edu/panels/5D/B.Cliff.html], May 1997.

  3. David Bordwell, Kristin Thompson, "Film Art:An Introduction." [http://www.unl.ac.uk/sofia/form/brecht.html], May 1997.

  4. Dave Riley, "Bertolt Brecht: The Man Who Never Was." [http://www.english.upenn.edu/~afilreis/50s/brecht-review.html], May 1997.

  5. Donna C. Van Handle, "Deutsch 211: Frühjahr 1996 Creation and Production of a German Play: Bertolt Brecht." [http://www.mthloyoke.edu/acad/germ/courses/german211/authoren.html], May 1997.

  6. Eric Wilkinson, "Bertolt Brecht's Marxist Perspective." [http://www.uky.edu/Honors/colloquia/green201/wilkinson/wilkinson.html], May 1997.

  7. Grimm, Reinhold. Bertolt Brecht: Die Struktur seines Werkes. Verlan hans Carl, Nürnberg, 1968.

  8. Katie Thurman, "Bertolt Brecht." [http://www.uky.edu/Honors/colloquia/green201/thurman/thurman.html], May 1997.

  9. Red Letter Day, "Bertolt Brecht: The Great Marxist Playwright." [http://www.island.net/~haythorn/brecht.htm], May 1997.

  10. Zimmerman, Werner. Brechts "Leben des Galilei". Pädagogischer Verlag Schwann, Düsseldorf, 1965.