German 342: German Literature
Oregon State University
March 10,1998


Woyzeck oder Wozzeck?

Das Drama von Georg Büchner und die Oper von Alban Berg

von Angela von Streit

 

1. Georg Büchner

Karl Georg Büchner wurde am 17. Oktober 1813 in Goddelau in Hessen geboren. Sein Vater war ein sehr erfolgreicher Arzt. Dieser Beruf lag in der Familie. "Seit Generationen waren die [Büchners] Bader und Chirurgen gewesen" (Vietör 9). Büchners Geburtstag war ein entscheidender Tag in der europäischen Geschichte. Es wurde das napoleonische Heer in der Völkerschlacht von Leipzig besiegt. An diesem politischen Ereignis zeigte sich in dem sonst sehr harmonischen Elternhaus ein typischer Konflikt dieser Zeit. Büchners Vater war ein grosser Anhänger Napoleons und empfand deswegen die Völkerschlacht als grosse Niederlage. Seine Mutter war fest in der deutschen Romantik verwurzelt und hatte, als Napoleon besiegt wurde, grosse Hoffnung für ein vereintes und eventuell demokratisches Deutschland. Die konservative Einstellung des Vaters widersprach also sehr der liberalen Gesinnung der Mutter, wobei den prägenderen Einfluss in Büchners Kindheit die Mutter ausübte. Bei ihr lernte er Lesen und Schreiben, und sie führte ihn an seine erste Literatur heran. 1825 wurde er in ein humanistisches Gymnasium in Darmstadt eingeschult. Schon seit 1826 lebte die Familie dort aufgrund der beruflichen Laufbahn des Vaters. Es machte sich nun wohl auch das väterliche Familienerbe bemerkbar, denn seine Neigung galt meht den Naturwissenschaften. Das Klima der Schule war humanistisch-konservativ und Büchner mag durch seine kritische und liberale Gesinnung aufgefallen sein. Allerdings waren die 30er Jahre des 19. Jahrhunderts eine Zeit politischer Umwälzungen und es wird wohl in diesem Klima zu vielen Generationskonflikten gekommen sein.

1831 ging er nach Strassburg. Er hatte sich entschieden, Naturwissenschaften zu studieren und sein Vater konnte ihn davon überzeugen, sich für Medizin einzuschreiben, da ihm das eine sichere Berufslaufbahn garantierte. Strassburg war Büchners ideale "Schulung als Revolutionär" (Knapp 17). Bürgerlich-republikanische Strömungen trafen zusammen mit der wirtschaftlichen Not, die sich aus der Lage Strassburgs ganz an der Grenze Frankreichs ergab. Kulturelle, nationale und religiöse Konflikt entstanden, in denen das Bürgertum versuchte, sich der restaurativen Regierung in Paris zu widersetzen. Das soziale und politische Klima ansich war sehr viel liberaler als in Büchners Heimat Hessen. Leibeigenschaft und Abgaben an die Aristokratie waren abgeschafft worden. Ausserdem hatte das Bürgertum politische Rechte erkampft, bei deren blosser Forderung man in Hessen schon ins Gefängnis kam. Büchner fand schnell in die politischen Kreise unter den Studenten. Er hatte Kontakt zur Burschenschaft "Eugenia", trat ihr aber nie wirklich bei, da es wohl bei Sitzungen öfters zu Meinungsverschiedenheiten kam. Es bildeten sich statt dessen enge persönliche Kontakte zu Freunden mit ähnlichen Einstellungen zur Literatur, Kunst, Musik und Politik. Als wichtiges Dokument dieser Zeit gelten die Briefe an seine Eltern. Sie zeigen wie er versucht, seinen Vater zu beschwichtigen, in seinem Studium gehe alles in Ordnung. Gleichzeiteg enthalten sie aber auch äusserungen, die deutlich machen, dass er sich zum Revolutionär entwickelte, "dem der Kampf für Freiheit und Volksherrschaft immer mehr als Hauptaufgabe der deutschen, ja der europäischen Gegenwart erschien" (Vietör 15). In den zwei Jahren in Strassburg lernt er auch Minna Jägle kennen, mit der er sich verlobt.

Das grossherzogliche Gesetz in Hessen erlaubte höchstens 4 Semester im Ausland zu studieren. So siedelte Büchner im Jahre 1833 nach Giessen um und liess eine lehrreiche und glückliche Zeit hinter sich. In den folgenden Jahren wird er viel krank und geht durch Resignation und Depression. Seine Freunde und Bekannten "schildern ihn als düster und völlig zurückgezogen" (Knapp 20). Er wendet sich der Philosophie zu und entwickelt immer radikalere Ideen. Die politischen Umstände im Grossherzogtum gelten als die extremsten im deutschen Bund und Büchner erklärt seinen Hass gegenüber dem Aristokratismus. Er schritt zur Tat und gründete die "Gesellschaft der Menschenrechte und wird somit zum Protagonisten der Verschwörung" (Knapp 22). Der Hessische Landbote entstand, eine Flugschrift, die die Bauern, das Volk zum Aufstand aufruft. Die Verschwörung flog aber auf, und es folgten einige Verhaftungen. Büchner, dessen Beteiligung der Polizei zunächst nicht ganz klar war, kehrte vorerst zurück in sein Elternhaus nach Darmstadt, floh aber etwa ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung des Flugblatts nach Frankreich und entging damit nur knapp dem Gefängnis. Ein Beispiel für seinen Tatendrang ist, dass er sein Werk Dantons Tod in nur fünf Wochen niederschrieb während seines Aufenthalts in Darmstadt, einer Zeit, in der er rechtlich verfolgt wurde und sich seiner Familie gegenüber verstellen musste.

Wieder in Frakreich kehrte er nach Strassburg zurück. Er befand sich nun auf recht sicherem Boden, war wieder mit seiner Braut vereint und konzentrierte sich auf das Studium der reinen Naturwissenschaften, nicht mehr Medizin. Aus dem politischen Leben zog er sich zurück. Er verfasste eine naturwissenschaftliche Arbeit, aufgrund derer er von der Universität Zürich im September 1836 den Doktortitel verliehen bekam. Er zog nach Zürich und hielt ab Herbst eine Vorlesung an der Universität. Nebenher arbeitete er weiter an literarischen Werken, wobei die wichtigsten Leonce und Lena und das Fragment Woyzeck sind. Im Januar 1837 musste er seine Vorlesung wegen einer Erkältung unterbrechen. Anfang Februar stellte sich eine akute Typhuserkrankung heraus. Minna Jägle wurde verständigt und traf zwei Tage, bevor Büchner starb, in Zürich ein.

 

2. Das Fragment Woyzeck

Woyzeck entstand also kurz vor Büchners Tod. Laut Vietör stellt es "die kühnste und revolutionärste seiner Arbeiten dar" (189). Es ist nur als Fragment vorhanden, wobei Vermutungen bestehen, dass es eine vollständig abgefasste Handschrift geben könnte. Das Werk hatte vierzig Jahre herumgelegen, bis Karl Emil Franzos es ausgrub. Die Tinte war kaum noch lesbar, und das Papier musste erst mit Chemikalien behandellt werden. Bis zur Uraufführung dauerte es allerdings nochmal länger. Sie fand erst 1913 in München statt.

Büchner nahm reale Kriminalfälle, eventüll sogar drei verschiedene, zur Vorlage seiner Arbeit. An erster Stelle steht mit Sicherheit der Fall Johann Christian Woyzecks, der am 21. Juni 1821 in Leipzig seine Geliebte erstach. Er wurde von der Gerichtsmedizin zur Tatzeit als zurechnungsfähig erklärt. Zwei Gnadengesuche wurden abgelehnt, und am 27. August 1824 fand die Enthauptung auf dem Marktplatz in Leipzig statt. Vermutlich waren Büchner zwei weitere Fälle bekannt, in denen ein "Tabakspinnergeselle" und ein "Leinewebergeselle" (Knapp 92) ihre Geliebten ermordeten. Einer davon wurde zu lebenslänglicher, der andere zu achtzehn Jahre langer Haft verurteilt, starb aber drei Jahre später. Er wurde dann in der Giessener Anatomie obduziert zu der Zeit, als Büchner dort Medizin studierte. Einer der Täter hatte auch ein Kind zusammen mit der Frau, die er dann ermordete. Büchner waren diese Fälle wahrscheinlich aus der Zeitschrift für Staatsarztneikunde bekannt, die er in seinem Elternhaus in Darmstadt während seines Aufenthalts nach den politischen Unruhen in Giessen gelesen haben könnte. Sein Vater hatte Interesse an der Gerichtsmedizin und war Mitarbeiter des Journals.

Alle drei Fälle haben gemeinsam, dass sozial Unterprivilegierte zu Tätern werden. Besonders der Fall Woyzecks hatte grosse Auseinandersetzungen in der psychologischen Fachwelt zur Folge. Die Psychologie war damals noch eine extrem junge Wissenschaft und der Streitpunkt war, ob Woyzeck zum Zeitpunkt der Tat zurechnungsfähig oder geisteskrank war. Büchner entschied sich in seinem Werk weder für die eine noch für die andere Variante. Er hinterliess damit seiner Nachwelt viele verschiedene Möglichkeiten zur Deutung. So wurde Woyzecks Tat zum Beispiel als Resultat der widrigen sozialen Verhältnisse gesehen. Eine andere Interpretation sieht Woyzeck als psychotisch oder schizophren, dessen geistige Umnachtung wegen seiner Armut und der Unterdrückung durch das Bürgertum entstehe. Woyzeck lebe "hilflos und haltos in sinnloser Leere und [die] Mordtat geschehe aus Verzweiflung über das Nichts" (Büttner 55).

Eine weitere Deutung besagt, dass in Woyzeck "der polare Lebensgegensatz von Zwang und Freiheit sichtbar wird" (Büttner 55). Dem stehen aber auch andere Interpretationen gegenüber, die die soziale Variante in dem Drama als vordergründig betrachten. Woyzeck ist nicht psychotisch, sondern in seinem Verhalten kann man "Mut, Freiheit, Widerstandskraft und Willen" (Büttner 56) erkennen. Die sozialistischen Deutungen fallen in die Zeit der Klassenkämpfe und des Naturalismus. Büchner selbst hat aber nie das Volk oder das Proletariat idealisiert. So wird heute Woyzecks Leid eher durch persönliche und emotionale Ursachen erklärt. Er tötet seine Geliebte aus Eifersucht. Er ist ein einfacher und ungebildeter Mensch, dessen Gedanken, Glauben, Liebe und Leid eher an volkstümliche Sagen und Balladen erinnern als an akademische, philosophische Ideen.

Die Spannung des Stückes entsteht durch sich widersprechende Pole, zum Beispiel Liebe und Leid, Sünde und Gebet, Ernst und Komik, Sittlichkeit und Triebe. Vielleicht kann man sogar sagen, Büchner, ausgehend von einer psychologischen Fachdiskussion, nimmt in seinem Werk schon Ideen und Erkenntnisse vorweg, die erst später im 19. Jahrhundert populär oder aktüll werden. Denn er zeigt, wie verborgene Gefühle und das Unterbewusstsein Woyzecks Handeln bestimmen. Trotzdem besitzt Woyzeck aber auch Urteilskraft über das, was er tut.

 

3. Alban Berg

Berg wurde am 9. Februar 1885 in Wien geboren. Sein Vater hatte eine Buchhandlung, zu deren Stammkunden zum Beispiel auch der Komponist Anton Bruckner gehörte. Bruckner war auch öfters zu Gast bei der Familie und spielte auf der Orgel des Vaters. Im Haus, in dem die Familie im Stadtzentrum von Wien wohnte, befand sich ausserdem der Wiener Kunstverein. Alban Berg und zwei seiner Geschwister zeigten früh eine starke musikalische Begabung, die wohl eher auf den Vater zurückging, obwohl auch die Mutter aus einer sehr musikliebenden Familie stammte. Die Bergs zogen bald um und der Vater betrieb dann ein Import- und Exportgeschäft in einem Aussenbezirk von Wien. Alban Bergs ältester Bruder wurde Geschäftspartner des Vaters und hatte eine Idee, ein Kinderspielzeug zu erfinden, dass ihm weltweiten Erfolg einbringen sollte &endash; den Teddybären.

Berg war in der Schule nicht sehr erfolgreich, beendete sie aber 1904 und arbeitete auf Wunsch der Mutter, als Rechtspraktikant. Er war damit aber sehr unzufrieden und wandte sich 1906, in der Zwischenzeit 21 Jahre alt, ganz der Musik zu. Er hatte schon seit seinem 14. Lebensjahr einen um 10 Jahre älteren Freund, oder auch Mentor, der zusammen mit den Geschwistern Berg am musikalischem und literarischen Leben Wiens teilnahm. Sein Vater föderte diese Verbindung sehr, denn er wusste um sein eigenes schwaches Herz und starb auch tatsächlich im Jahre 1900. Besonders Bergs Geschwister Smaragda und Charly bemühten sich um Albans musikalisches Talent. Smaragda entdeckte eine Anzeige des Komponisten Arnold Schönbergs in Wiens Neuer musikalischer Presse für Musikunterricht. Sie sandte den Bruder Charly heimlich mit Bergs Arbeiten zu ihm. Schönberg, der um elf Jahre älter war, wurde sein Lehrer. Er unterzog seine Schüler generell einem traditionellem und strengem Studium und er war begeistert von seinem Schüler Berg.

1911 fand die Hochzeit von Helene Nakowski und Alban Berg statt, die sich bis zum Tode Bergs als sehr glückliche Verbindung herausstellte. Seine Witwe betreute sein Werk und machte es der Nachwelt zugänglich. Mit der Heirat war auch das Ende seiner Lehrzeit bei Schönberg zu Ende.

Kurz nachdem Berg öffentlich wirklich Anerkennung gewann, wurde das Aufführungsverbot von den Nationalsozialisten über sein Werk verhängt. So fand er nie aus seiner finanziell nicht ganz günstigen Lage heraus. Sein Leben verlief aber insgesamt glücklich.

Aus Bergs Werk stehen besonders die Lyrische Suite, die beiden Opern Wozzeck und Lulu und sein Violinkonzert hervor. Berg gehört zu der sogenannten Neenn oder auch Zweiten Wiener Schule, eine Gruppe von komponisten, die besonders nach dem Ersten Weltkrieg nach neün musikalischen Konzepten suchte. Am Ende der Romantik hatte sich die herkömmliche Harmonik schon mehr und mehr aufgelöst oder wurde weiter gefasst bis sie als atonal bezeichnet wurde und schliesslich die Zwölftontechnik entstand. Das bedeutet in einer Kompositoin müssen die insgesamt zwölf Tonhöhen der gesamten Notenskala (c, cis, d, dis, e, f, fis usw.) einmal erschienen sein, bevor sie wieder verwendet werden können. Das ist eine völlig neü Grundlage zu komponieren und mit der bis dahin herrschenden Verbindung von Stufen (Tonika, Dominante, Subdominante usw.) und Konsonanzen und Dissonanzen wenig oder gar nichts zu tun. Eine weitere Veränderung dieser Zeit war, dass zunächst nur Werke in kleineren Besetzungen entstanden, wie Lieder, Kammermusik, Klavierstücke oder ähnliches. Zu dieser Gruppe gehören vor allem Arnold Schönberg, Anton Webern und Alban Berg.

 

4. Die Oper Wozzeck

Es gibt den Bericht eines Zeitzeugen, der zusammen mit Alban Berg an der Uraufführung von G. Büchners Woyzeck in Wien teilnahm. Vermutlich veranlasste Bergs Schwester Smaragda ihn dazu, das Drama zu sehen. Er muss zutiefst ergriffen und bewegt gewesen sein von der Vorstellung und liess beim Hinausgehehn die Bemerkung fallen, jemand müsse die Musik dazu schreiben. Berg arbeitete einige Jahre lang an seiner ersten, genau wie dann später auch an seiner zweiten Oper Lulu. Wegen eines Lesefehlers wurde aus Woyzeck Wozzeck, so dass man die beiden Werke heute gut unterscheiden kann. 1925 wurde Wozzeck in Berlin unter der Leitung Erich Kleibers, ein damals sehr bekannter Dirigent, uraufgeführt. Beide Opern Bergs gehören heute zu den Standardwerken des 20. Jahrhunderts und besonders Wozzeck steht im gängigen Repertoire der Opernhäuser. Wozzeck ist dabei die erste und einzige atonale Oper, Lulu die erste zwölftönige, die zu diesem Ansehen gelangten.

Eine besondere Charakteristik Bergs besteht darin, dass seine herausragenden Werke, die oft das erste in einer neün Gattung waren (Oper, Orchesterwerke Kammermusik), meist ohne jeglichen Vorläufer entstanden. So ist Wozzeck das erste Beispiel in seiner Musik, das auf der Bühne aufgeführt wird und mit irgendeiner Form von Dramaturgie zu tun hat.

Berg kürzte Büchners Vorlage um einige Szenen. Teilweise liess er sie ganz weg, teilweise übertrug er Elemente in andere Szenen. So wurden aus Büchners 25 bei Berg 15 Szenen, wobei er jeweils 5 in einem Akt zusammenfasste. Gelegentlich veränderte er auch die sehr rohe Sprache Büchners, besonders damit sie gesungen werden konnte.

 

5. Warum Woyzeck als Vorlage?

1923 erklärte Berg Ernst Krenek, einem Komponisten aus Wien, der später nach USA emmigrierte, seine Faszination von dem Fragment Woyzeck: "Vorerst das Drama selbst, aber gleich danach die durch die vielen Szenen und Zwischenspiele gegebene Möglichkeit, viel und vielerlei Musik zu machen" (Hans-Christian Schmidt 41). Bemerkenswert an Büchners Vorlage war, dass es Elemente hatte, "which the expressionists regarded as anticipations of their own intersts and concerns" ((Jarman 3), obwohl Büchner sein Werk über 70 Jahre vorher verfasst hatte. Im Expressionismus wurde die Wirklichkeit oder Aspekte der Wirklichkeit absichtlich verzerrt, um die Emotionen des Künstlers zu zeigen. Etablierte Werte und Konventionen wurden bis aufs Extremste karrikiert. In Opern, die vor Wozzeck entstanden, kommen schon Charaktere vor, die den Verstand verloren und durchdrehten. Es gab sogar eine Art Tradition am Ende des 19. Jahrhunderts, die musikalisch und dramatisch vorgab, dies darzustellen. In Wozzeck aber war zum ersten Mal ein wirklicher Antiheld im Mittelpunkt des Geschehens, der psychotisch war. Ausserdem wird das Publikum nicht auf sicherer und beobachtender Distanz gehalten, sondern "das Gespannte, Qualvolle, Grausame [sticht] so eindringlich wie möglich [hervor] ... und das Individuum [bleibt], von unüberwindlicher Vereinsamung umschlossen, verständigungslos" (Baumann 169). Die Figuren werden mit expressionistischer Wucht pervertiert. So wird der Hauptmann zum angstgequälten und moralisierenden Philister, der Arzt zum Inbegriff der kalten und materialistischen Wissenschaft und der Major zum "embodiment of the beast in man." (Reich 9).

In Wozzeck ist die Welt ist sozusagen verdreht, Gerechtigkeit wird in Frage gestellt, und die Handlungsursachen der verschiedenen Personen werden erbarmungslos blossgelegt. Wozzeck ist sozial sehr schwach gestellt und erfährt sehr viel Leid. Er "wird zurückgeworfen auf die dunklen und unergründlichen Ursprünge, wo ... Wahn und Wirklichkeit zusammenfallen" (Baumann 169). Er ist verwirrt, aber er empfindet etwas: er liebt und er hasst, er kämpft um die Zuneigung seines Kindes und er fühlt seine Schuld. Dadurch wird er dem Publikum nahbar. Der Hauptmann und der Doktor aber, die "nicht nur eine Maske vor dem Gesicht, sondern auch noch 'ein Gesicht vor der Maske tragen'" (Baumann 169), wenden sich ab, verschliessen die Augen vor dem Unheil, das Wozzeck widerfährt und damit vor dem menschlichen Leid an sich. Mit dieser Problematik muss Büchners Werk sehr gut in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gepasst haben, als alle gesellschaftlichen und sozialen Werte mit der Katastrophe des Krieges zusammenbrachen. Alban Berg selbst musste Kriegsdienst leisten und litt sehr darunter. Er sah Woyzeck vor dem Krieg, aber die Erfahrungen der nächsten Jahre müssten zu der Faszination von dem "Schicksal dieses von aller Welt ausgenutzten und gequälten Menschen" (Hans-Christian Schmidt 42) beigetragen haben.

 

6. Die musikalische Struktur

Bergs Entschluss, eine Oper zu schreiben, fiel, wie schon gesagt in die Zeit, wo sich die Grundbegriffe der Harmonik auflösten, und die sogenannte Atonalität entstand. Die Technik war bisher nur in kleinen Besetzungen erprobt worden. Die besondere Herausforderung war, dem Werk eine Einheit zu geben. Dazu kam, dass die Oper ansich etwas in Ungnade gefallen war. Mit Wagner hatte sie nochmal einen gigantischen, aber auch umstrittenen Höhepunkt erreicht.

Berg bemühte sich in seinen Kompositionen auch schon vor Wozzeck um eine möglichst grosse musikalische Vielfalt, die gleichzeitig von einer möglichst übergreifenden Gesamtform und thematischer Einheit zusammengehalten werden sollte (Jarman 21). So ist Wozzeck zum Beispiel voll von Leitmotiven, dass heisst ein musikalisches Motiv gehört zu einer bestimmten Person oder Situation und taucht durch die ganze Oper hindurch immer wieder auf. Dadurch ist eine sehr komplexe musikalisch-dramaturgische Verknüpfung möglich, eine Technik, die besonders Wagner stark entwickelt hat. Wagner war auch bekannt als Komponist der 'unendlichen Melodie'. Berg unterschied sich hier sehr davon, da er in gewissem Sinne wieder auf vorherige Methoden zurückgriff: jede Szene für sich bildet eine Einheit und ist oft in einer fast altertümlichen Form gefasst, wie Suite, Passacaglia, Sonate, Fuge usw.

Zwischen jeder der Szenen innerhalb der drei Akte erscheint ein Zwischenspiel, eine Verwandlung, wie Berg es nennt. Auch hier kann man eine Entwicklung, die von einem vorherigen Komponisten ausging, verfolgen: schon in Mozarts Opern lassen sich viele Beispiele dafür anführen. Diese technischen Mittel tragen zur Ausdrucksstärke der Oper bei, werden aber ganz stark unterstützt von "richness of sound, texture and expression of Berg's melodies. We have before us a master who is leading dramatic music into new paths" (Jarman 134).

Die Expositon des Dramas, der erste Akt, stellt die verschiedenen Charaktere musikalisch vor. So wird zunächst der Hauptmann durch die Suite dargestellt. Suiten entstanden ursprünglich aus einer Reihe von verschiedenen Tänzen. Schon zu Bachs Zeiten hatten sich Orchester- und Solosuiten mit einzelnen Sätzen wie Präludium, Allemande, Courante, Sarabande, Bourree, Menütt, Gavotte und Gigü etabliert. Bergs erste Szene besteht aus einem Präludium, einer Sarabande, einer Kadenz für Bratsche, einer Gigü, weiteren Kadenz, Gavotte, Air und einer Reprise des Präludiums. Dies sind alles sehr barocke Begriffe, vielleicht auch um ein altes Ordnungssystem, das der Hauptmann verkörpert, zu repräsentieren. Die zweite Figur, die dargestellt wird, ist Andres. Hier erscheint eine Rhapsody und ein Jagdlied. In der dritten Szene taucht Marie auf. Zunächst erklingt Militärmusik, dann ein Gute Nacht Lied für ihren Jungen. Das Zwischenspiel leitet über in eine Passacaglia mit 21 Variationen. Das gleiche Thema taucht also immer wieder auf, genauso wie des Doktors "fixe Idee" (CD Cover 119). Der Doktor ist besessen von diesem Thema. In der fünften Szene, die Berg mit "Andante Affetuoso" überschreibt, wird der Tambourmajor vorgestellt. "Affetuoso", also leidenschaftlich ist seine Beziehung zur Marie.

Die atmosphärisch sehr unterschiedlichen Ereignnisse im zweiten Akt fasst Berg in einer fünfsätzigen Sinfonie zusammen. Die klassische Sinfonie zeichnet sich dadurch aus, dass sie vier verschiedene Sätze hat. Der erste und der Letzte stehen in einem schnellen 4er (oder 2er) Takt, der zweite Satz ist langsam, und den dritten bildet ein Menütt, ab dem Ende der Klassik auch Scherzo genannt. Die Satzabfolge und &endash;anzahl änderte sich schon in der Romantik.

Die Musik der ersten Szene, der erste Satz also, spiegelt Maries Nervosität. Sie versucht ihr Kind schlafen zu bringen und spielt mit den Ohrringen, die sie vom Tambourmajor geschenkt bekommen hat. Maries Schreck bei Wozzecks Erscheinen ist durchaus musikalisch spürbar: schnell bewegte Streicher im forte und fortepiano. In dem Moment, wo sich Wozzeck seinem Sohn zuwendet, wird die Musik sehr sanft. Eine Sologeige spielt. Wozzeck fährt fort "Nchts als Arbeit ... Wir arme Leut." Dies wird von einer gewaltigen Besetzung und massiven Blechbläserakkorden begleitet. In der zweiten Szene treffen der Hauptmann, der Doktor und Wozzeck aufeinander. Wozzeck wird von den anderen beiden lächerlich gemacht. Sie wissen von Maries Affäre mit dem Tambourmajor und reizen ihn so lange, bis er von Selbstmord faselt und davonstürzt. Der "trialogü" (Jarman 136) wird musikalisch durch "Invention und Fuge über drei Themen" widergegeben. Die dritte Szene wird von einem Kammerorchester gespielt, das den Streit zwischen Marie und Wozzeck untermalt. Wozzeck versucht, von Marie etwas über den Tambourmajor herauszubekommen. Das grosse Orchester kommt nur gelegentlich dazu, um Wozzecks wachsende Wut zu unterstreichen. Die vierte Szene wird mit einem langsamen Ländler eingeleitet. Platz des Geschehens ist ein Wirtshausgarten. Marie und der Tambourmajor tanzen, wenn Wozzeck aufgeregt die Bühne betritt. In dieser Szene bietet sich dem Publikum eine sehr buntes Bild. Burschen, Soldaten und Mägde tanzen. Zusätzlich zu dem grossen Orchester spielt die "Wirtshausmusik" auf der Bühne: zwei bis vier Fiedeln, eine Klarinette, eine Ziehharmonika, mehrere Gitarren und eine Basstube. Gespielt werden Ländler, Walzer, Dütte, Solos und auch ein Männerchor tritt auf. Die Rede eines jungen Gesellen, die von der Wirtshausmusik begleitet wird, parodiert die Choralmelodie, die in der Basstube erklingt. Diese Szene stellt das Scherzo der Sinfonie dar und leitet in das Rondo marziale, die fünfte Szene, über. Der Tambourmajor dringt betrunken in Wozzecks und Andres' Kaserne ein und schlägt Wozzeck zusammen, bis dieser blutend auf dem Boden liegt.

Der dritte Akt zeigt eine ähnliche Struktur wie der erste. So ergibt sich die Gesamtform A-B-A. Der mittlere Akt ist der Längste und aufgrund der Sonatenform vom ersten bis zum letzten Takt zusammenhängend (A. Berg selbst in einem Vortrag, Jarman 157). Der Aufbau der anderen beiden Akte dagegen ist etwas freier. Die jeweils fünf Szenen sind musikalisch nicht so eng miteinander verknüpft. Den ersten Akt kann man als Charakterstudien bezeichnen. Die fünf verschiedenen Szenen beschreiben immer eine neü Figur, wobei diese immer mit dem Protagonisten in Beziehung stehen. Den dritten Akt betitelt Berg mit "Sechs Inventionen". Die erste Szene besteht aus einer Invention über ein Thema, die zweite über einen Ton (h), die dritte über einen Rhythmus, die vierte über einen Sechsklang, die sechste über eine Achtelbewegung. Die fünfte ist eines der Zwischenspiele (und ich habe keinen Titel gefunden). Die überschriften zeigen, dass jede Szene von einer einheitlichen musikalischen Idee zusammengehalten wird.

Besonders bemerkenswert ist die zweite Szene, in der Wozzeck Marie umbringt. Der Ton h klingt fast die ganze Szene durch in irgendeiner Form. Vielleicht kann hier Wozzeck, ähnlich wie der Doktor in der vierten Szene des ersten Aktes, von seiner Idee oder seinem Plan nicht ablassen. Die Tat steht sozusagen schon im Raum. Die Musik wird zart und warm während ihres letzten Kusses. Dann wird es Marie unheimlich, und sie fängt an zu zittern. Auf die Frage "Was sagst du da?" antwortet Wozzeck "Nix" und es tritt eine lange Pause ein, sowohl auf der Bühne wie auch im Orchester. Diese Fermate erzeugt eine ungeheure Spannung, und die Stimmung wird noch geheimnisvoller dadurch, dass der Mond aufgeht, laut Wozzeck "Wie ein blutig Eisen!" Marie stirbt mit einem lauten Schrei, auf dem Ton h natürlich. Die Musik steigt zu einem dreifachen forte an, wobei zwei Pauken das Geschehen immer noch mit dem Ton h rhythmisch sehr gleichmässig begleiten. Die Musik wird danach ganz leise (ppp), aber nur, um noch einmal zu einem fff anzuwachsen, und zwar in der überleitung zur nächsten Szene.

Die dritte Szene, die in einer Schenke stattfindet, beginnt mit einer schnellen Polka, die auf einem verstimmten Pianino auf der Bühne gespielt wird. Das zeigt wieder, wie vielfältig, einfallsreich und unkonventionell Berg sein Werk inszeniert hat. Magret, eine Dirne, entdeckt, dass Wozzeck blutverschmiert ist. Ein Chor aus Burschen und Dirnen bedroht ihn. Sie singen "Da stinkt's nach Meschenblut". Wozzeck stürzt hinaus.

In der vierten Invention erscheint der Sechsklang in verschiedenen Formen und Melodien, bis er schliesslich chromatisch seqünziert wird, d. h. im Abstand eines Halbtons immer wieder erscheint. Die Bewegung des Wassers, in dem Wozzeck ertrinkt, wird suggeriert. Die fünfte Invention ist das Orchesterzwischenspiel vor der letzten Szene. Sie kann als Epilog zu dem Drama gesehen werden, in dem Wozzecks tragische Geschichte noch einmal erzählt wird. In der letzten Szene spielen ein paar Kinder mit Mariens Knabe und fordern ihn auf, mit zum Teich zu kommen, um seine tote Mutter anzuschaün. Das Kind zögert zunächst und 'reitet' dann auf seinem Steckenpferd, kindlich "hopp, hopp" singend, hinterher. Die Musik wird immer ruhiger und aus dem Ringelreih der Kinder wird eine melancholische Achtelbewegung, die schliesslich abstirbt. Der Vorhang fällt.

 

7. Die Wirkung der Oper

Als Berg 1920 seine Oper fertig geschrieben hatte, bekamen zunächst nur wenige Freunde das Manuskript zu sehen. Sie sprachen alle ihre tiefe Bewunderung aus, aber keiner hielt eine Aufführung des Werkes für möglich. Es war technisch äusserst anspruchsvoll für Orchester und Sänger, und zunächst wagte sich kein Verleger, eine solch ungewöhnliche Oper zu drucken. Es folgten aber eine ganze Reihe von überraschungen. 1923 wurden Auszüge von Wozzeck auf einer Messe für neue Musik in Frankfurt präsentiert. Bergs Name war zu diesem Zeitpunkt schon etwas bekannter. Er selbst war auch unter den Zusachauern und er wurde zum Held dieses Festivals. Zwei Jahre später fand der Dirigent Kleiber den Mut, das ganze Werk aufzuführen. Der Erfolg der Berliner Inszenierung stellte die anfänglichen Reaktionen in Frankfurt noch weit in den Schatten. 1930 schliesslich fand die Wiener Uraufführung statt und brachte Berg die Anerkennung in seiner Geburtsstadt. Wozzeck gehört, auch heute noch, zu den zeitgenössischen Werken, die am meisten analysiert wurden und werden. Der Erfolg ist aber sicherlich auf ihre unmittelbare dramatische Wirkung zurückzuführen.

Für Komponisten oder auch Künstler im allgemeinen ist die Frage nach Anerkennung wahrscheinlich immer eine zweischneidige. Öffentliche Anerkennung ist wichtig, die eigenen künstlerischen Ideen zu verwirklichen wahrscheinlich wichtiger. Zur Zeit Bergs war die dominanteste künstlerische Bewegung der Expressionismus. Es gab aber viele verschiedene politische, gesellschaftliche und künstlerische Reaktionen auf die Ereignisse der Zeit. Neoklassizismus ist ein Beispiel dafür, aber auch das Interesse an Jazz wuchs, und sogenannte Gebrauchsmusik wurde geschrieben. Kurt Weill komponierte die Dreigroschenoper und landete damit in Berlin einen Riesenerfolg. Schönberg verachtete das Werk und Webern brach wohl schon in Zorn aus, wenn der Name Weill nur fiel. Berg hatte wahrscheinlich schon einen ähnlichen Standpunkt, aber er war etwas toleranter und sah sogar Weills zweite Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny. Berg war relativ unpolitisch, d.h. er war nicht wirklich Mitglied einer der vielen politisch orientierten künstlerischen Gruppen dieser Zeit. Tatsächlich ist es aber gerade Alban Bergs Musik, die einer breiten klassisch orientierten Masse gefallen konnte, und aber gleichzeitig auch die akademischen Ansprüchen einer musikalischen Elite voll erfüllte.


Literaturverzeichnis

  1. Gerhart Baumann. Georg Büchner. Goettingen: Vandenhock & Ruprecht, 1961.
  2. Ludwig Buettner. Büchners Bild vom Menschen. Nuernberg: Verlag Hans Carl, 1967.
  3. Douglas Jarman. Alban Berg: Wozzeck. New York: Cambridge University Press, 1989.
  4. Douglas Jarman (ed.). The Berg Companion. Houndmills: Macmillan Press Music Division, 1989.
  5. David Gable and Robert P. Morgan (eds.). Alban Berg. Oxford: Clarendon Press, 1991.
  6. Christian M. Nebehay. Wien speziell. Musik um 1900. Wien: Verlag Christian Branstaetter, 1984.
  7. Willi Reich. Wozzeck. New York: League of Composers, 1931.
  8. Karl Vietoer. Georg Büchner. Bern: A. Francke AG, 1949.