GER 342: German Literature
Oregon State University
March 5, 1997

Gottfried Keller
1819-1890

von
Deborah Reed

Seine Jugend

Gottfried Keller wurde im Juli 1819 in Zürich in der Schweiz geboren. Von sechs Kindern war er eines von zwei, die die Kindheit überlebten. Das andere war seine Schwester Regula, die 1822 geboren wurde. Bis zum Tode seines Vaters 1824 lernte Keller viel von ihm. Obwohl er nur fünf Jahre alt war, als sein Vater starb, lernte er trotzdem Redlichkeit und die Phantasie von ihm. Sein Vater beeinflußte Kellers späteren Idealismus in der Politik. Keller behiehlt seinen Vater in seinem Gedächtnis wie einen Helden.

Nach demTod seines Vaters heiratete Kellers Mutter wieder, aber die Beziehungen zwischen den Jungverheirateten waren so schlecht, daß die Ehe eventuell annullieret wurde. Trotzdem vergab Keller seine Mutter für diese Ehe nie.

Keller fing als Kind an zu schreiben. Er schrieb Dramen für sein eigenes Puppentheater und war sehr phantasievoll. Mit dreizehn kam er in die Züricher Industrieschule, wo er nach einem Jahr wegen seiner Teilnahme in einer Demonstration gegen einen Lehrer wieder herausflog. Nach seiner Verweisung mußte er sich selbst erziehen. Diese Erziehung bestand zum größten Teil aus dem Lesen mystischer Bücher, weil er viel Interesse für geheimnisvolle Kulten hatte. Malen lernte er auch, und es wurde eventuell zu seiner Leidenschaft. Mit fünfzehn wollte Keller nach München, um die Malerei zu studieren. Nach viel Überredungskunst schickten seine Mutter und sein Onkel ihn nach München.

In München sah Keller Frauen, die in Kneipen tranken. Er dachte, es sei fürchterlich, und schrieb seiner Mutter, wie schrecklich diese Frauen aussahen. Es ist paradox, daß Keller selbst so viel Zeit in Kneipen verbrachte, und dabei so viel Geld ausgab, daß er eventuell kein Geld mehr hatte. In dieser Zeit kam er nicht weit als Maler. Er lernte nur kompetent zu sein und kämpfte immer mit dem Unterschied zwischen der Romantik und dem Realismus. Daswegen hatte er Probleme mit seiner Methode und auch mit seinen Lehrern. Keller kam zurück in die Schweiz, immer noch in der Hoffnung, Maler zu werden, aber es waren seine Schriftstücke, die eventuell seine Leidenschaft gewannen, und es war da, wo sein Talent lag. Man kann sagen, daß er Dichter war, aber hauptsächlich wurde er wegen seiner Novellen berühmt.

Keller war gar nicht so attraktiv. Sein Kopf war groß, und sein Körper war ziemlich klein, wie der eines Zwerges. Obwohl er eine Menge Beziehungen zu Frauen hatte, heiratete er nie. Für kurze Zeit war er verlobt, aber seine Verlobte starb, bevor er sie heiraten konnte. Eine Beziehung, die sehr wichtig in seiner Jugend war, war die zu Henriette Keller (kein Verwandtschaftsverhältnis). Kellers spätere gesammelte Gedichte, die Erstes Lieben heißen, wurden zum größten Teil von Henriette inspiriert. Leider starb Henriette auch als sie noch jung war. In den letzten Strophen des Gedichtes Das Grab am Zürichersee drückt Keller seinen Kummer aus:

Und wenn ich das Grab erblicke
will es mir das Herz zerreisszen
Meiner Jugend schönstes Hoffen
Hat der Tod hineingelegt
(Lindsay 16)

Henriette machte einen großen Eindruck auf Keller. So groß war dieser, daß man ihren Einfluß durch viele Schriftstücke Kellers sehen kann. Viele Helden in seinen Werken sterben, als sie noch sehr jung sind. Genau wie in Kellers wirklichem Leben dürfen sie keine langen Beziehung zu einer anderen Person haben.

Die Politik und die Religion

Die Philosophie und der politische Idealismus von Herwegh und Freiligrath beeinflußten Keller sehr. Keller fand die Idee von einer Revolution, in der man die Gesellschaft veränderen konnte, sehr wichtig. Er dachte, daß die Hierarchie in der Gesellschaft völlig unrecht war, aber er war auch gegen die Gewalttätigkeiten der Revolution. Seine rebellischen Ideen sieht man auch oft in seinen späteren Schriftstücken. Man sieht auch die Philosophie von Feuerbach, der dachte, daß die Menschen Gott erschufen und nicht Gott die Menschen. Dieser Materialismus war für Keller die Wirklichkeit. Er war Agnostiker, aber in seinen früheren Schriftstücken findet man Zweideutigkeit, wenn er über Gott schreibt. Keller war gegen die Institution der Religion. Er glaubte, daß die Religion sehr privat und persönlich war, und daß die Kirche die Menschen finanziell und moralisch ausnützte. Keller vertraute dem Dogma der Religion nicht und hatte keine Toleranz für bigotte Menschen. In seinem Gedicht Nachtfahrer schrieb Keller genau, was er von Priestern hielt:

...Zuvorderst aus des Schiffes schwarzen Mänden
Ragt schwarzer in der gierersüllten Rotte
Der Christenpriester, schwingend in den Händen
Das Marterholz mit dem gequaleten Gotte
(Keller 25)

Keller, wie Goethe, interessierte sich sehr für die Natur und die natürliche Ordnung und glaubte, daß diese Sachen alles leite. Viele von Kellers Gedichten beschreiben Aspekte der Natur, einschließlich der Jahreszeiten. Genau wie Goethe wirkten sich die Jahreszeiten sehr auf Keller aus. In dem ersten Kapitel aus Kellers Gesammelte Gedichte (Erster Band) das Das Buch der Natur heißt, schrieb Keller alles über die Natur, von den Sternen bis zu den Blumen bis zum Wetter. Keller behielt sein Leben lang eine starke Beziehung zu der Natur.

Seine epischen Werke

Viele Literaturkritiker denken, daß Der grüne Heinrich ein autobiographischer Roman ist. In diesem Roman beschreibt Keller einen Mann, der Heinrich heißt, und der immer mit der organisierten Religion kämpft. Heinrich, wie Keller, hat auch Probleme mit den religiösen Lehren seiner Mutter und dem Katechismus der Katholischen Kirche. Heinrich ist auch Maler, und wie Keller, identifiziert er sich mit Goethe. Die Natur und die Loyalität gegenüber der Familie spielen eine Rolle in dieser Geschichte. Keller schrieb in sein Tagebuch, daß er ein sehr schlechtes Gewissen wegen der Auseinandersetzungen mit seiner Mutter und Schwester hätte. Dieses Thema findet man auch in Der grüne Heinrich. Anna, die Heldin dieses Romans, stirbt als sie noch sehr jung ist, genau wie Kellers erste Liebe, Henriette.

Was sehr interessant an dem Roman Der grüne Heinrich ist, ist, daß Keller es in zwei Versionen schrieb, die erste im Jahre 1842, die zweite im Jahre 1880. In der ersten Version stirbt Heinrich. Literaturkritiker denken, daß Keller in dieser Zeit noch nicht voll ausgereift war und nicht wußte, was er mit solch einem Charakter machen sollte. Deswegen stirbt Heinrich. Aber in der zweiten Version von 1880 schrieb Keller als ein reifer Künstler mit viel Erfahrung, und dieses Mal durfte der Charakter Heinrich noch weiter leben.

Die Novelle Kleider machen Leute ist ein gutes Beispiel von Kellers politischen Ansichten über die Hierarchie in der Gesellschaft, und wie wichtig es ist, sich selbst und anderen gegenüber ehrlich zu sein. Keller betonte wie wichtig die Redlichkeit ist, daß man immer so sein soll, wie man wirklich ist, und nicht so tun soll, als ob man jemand anders wäre. Der Held, Wenzel Strapinski, ist in Wirklichkeit ein armer Schneider, aber er hat viel Glück und täuscht Leute, die denken, daß Strapinski ein Graf ist und die ihn wunderbar behandeln, aber es ersetzt nicht sein schlechtes Gefühl, daß er ein Lügner ist. Sein Leben wird sehr kompliziert. Zum ersten Mal in seinem Leben schläft er nachts nicht.

Bei alldem erlebte Strapinski, was er in seiner Dunkelheit früher nie kannte, eine schlaflose Nacht um die andere, und es war ebensoviel die Furcht vor der Schande, als armer Schneider entdeckt zu werden und dazustehen, als das ehrliche Gewissen, was ihm den Schlaf raubte. Sein angebornes Bedürfnis, etwas Zierliches und Aussergewöhnliches vorzustellen, wenn auch nur in der Wahl der Kleider, hatte ihn in diesen Konflikt geführt und brachte jetzt auch jene Furcht hervor (Jackson 15).

Strapinski wird doch bloßgestellt, aber trotzdem kommt er weiter, obwohl die Umstände gegen ihn waren, und am Ende wird er ein erfolgreicher Geschäftsmann. Wie im Märchen findet man solches Glück in vielen Geschichten von Keller.

Die Leute von Seldwyla ist eine Sammlung von Novellen Kellers, die sehr wichtig sind. Diese Geschichten haben die gleichen Themen wie die meisten anderen Schriftstücke von Keller. Die Selbstachtung, die Redlichkeit, die Liebe, das Schicksal und das Glück, die Loyalität gegenüber Familie, die Armut, der Reichtum, und die Notwendigkeit, ein anständiges Leben zu führen. Seldwyla ist perfekt als Hintergrund von Kellers Geschichten. Im ersten Band beschreibt er das Dorf, in dem die Leute schlicht und erfolglos sind. Sie finden nie den Ehrgelz, den sie im Leben brauchen, um sich vorwärts zu bringen, aber sie sind trotzdem glücklich. Im zweitem Band schreibt Keller von der Zeit der Industriellen Revolution, wo wegen des Kommerzialismus die Leute ihre traditionellen Werte verlieren. Hier, wie in allen Schriftstücken Kellers, sieht man den Einfluß vom Realismus und der Romantik, und seine Unfähigkeit, nur eines von beiden zu wählen.

Am Ende seines Lebens

Später in seinem Leben erkrankte Keller an Rheuma und lebte die meisten seiner Tage vereinzelt. Seine Schwester Regula lebte mit ihm zusammen als Dienstmagd, aber sie sprachen nicht oft miteinander. Regula interessierte sich nicht sehr für ihn, und Keller dachte, sie sei langweilig. Weil er nie heiratete und deshalb keine Kinder hatte, verbrachte er seine letzten Lebenstage nur mit wenigen Freunden, weil die meisten seiner Freunde schon gestorben waren.

Während deiser Zeit dachte Keller oft an den Tod, besonders nach dem Tode seiner Schwester im Jahre 1888. Keller sorgte selbst für seine Schwester, obwohl er auch sehr krank war. Aber nach dem Tod seiner Schwester ging es mit Kellers Gesundheit weiter und schneller bergab. Er sagte, es freue ihn, sterben zu dürfen, und am 15. Juli 1890, nur vier Tage, bevor er 71 wurde, starb Gottfried Keller.

In seinem Testament gab Keller die Universität des Cantons Zürich als Erbe an. Eine Hälfte von seinem Vermögen vermachte Keller dem 'Bund Winkelried', einer Organisation, die verwundete Soldaten, Witwen und Waisenkindern half. Diese Organisation war sehr wichtig für Keller, weil er nicht selbst im Militär gewesen war, und er hatte immer deswegen ein schlechtes Gewissen. Verwandte von Keller waren ganz böse auf sein Testament, weil sie nichts bekommen hatten. Sie sagten, daß Keller nicht ganz klar im Kopf gewesen sei, als er sein Testament nieder schrieb, aber seine guten Freunde sagten, daß Keller doch absolut zurechnungsfähig gewesen sei, und das Gericht ließ sein Testament stehen.

Im großen und ganzen war Keller ein Kunstler mit starken Überzeugungen und starkem Redlichkeitssinn. Er lebte sein ganzes Leben wie ein Künstler und respektierte die Schönheit und die Wahrheit in allen Dingen. Am Ende war er glücklich, daß er so lang gelebt hatte, weil er Zeit genug hatte, ein reifer Künstler zu werden.


Bibliographie

  1. David Jackson. Gottfried Keller, "Kleider Machen Leute". London. Bristol Classical Press, 1996.

  2. Gottfried Keller. Gesammelte Gedichte. Erster Band. Berlin: Verlag von Wilhelm Herz, 1897.

  3. J. M. Lindsay. Gottfried Keller. Life and Works. London: Oswald Wolff Limited, 1968.

  4. Frank G. Ryder. Gottfried Keller Stories. New York, NY.: Continuum, 1982.